Der designierte Leiter der Philharmoniker dirigiert am 22.03.2017 das Berliner Orchester. (Quelle: Monika Rittershaus)
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Philharmonie Berlin - Berliner Philharmoniker unter ihrem designierten Chefdirigenten Kirill Petrenko

Bewertung:

Mit einem Raritätenprogramm präsentierte sich der Dirigent Kirill Petrenko bei seinem künftigen Orchester, den Berliner Philharmonikern. Und die Chemie scheint zu stimmen – das Orchester präsentierte sich auf Weltklasseniveau.

Lange ist es her, dass die Berliner Philharmoniker "La Péri" von Paul Dukas und die vierte Sinfonie von Franz Schmidt aufgeführt haben – das war Anfang der Sechzigerjahre. Aber so liebt es Kirill Petrenko: spätromantisch, emotional und mit ungewöhnlichem Repertoire.

Man konnte den Eindruck gewinnen, dass Kirill Petrenko im Moment noch sehr zurückhaltend agiert und den Vergleich scheut, den die großen Klassiker von Beethoven oder Brahms sofort herausfordert würden. So setzt er derzeit lieber auf Stücke, die nur sehr selten zu hören sind.

Debussy aus 2. Hand

Paul Dukas' Tanzdichtung "La Péri" ist kein ganz einfaches Werk. Es hat sphärenhafte Momente, kann auch mitunter ziemlich schwül klingen und vor sich hinschwitzen. Es ist eine Art Debussy aus zweiter Hand, das noch gut der Hälfte an Substanz verliert. Man versteht, warum das so selten auf hiesigen Konzertpodien geboten wird.

Kirill Petrenko kann da aber trotzdem seine Stärken ausspielen. Er sorgt für eine wunderbar edle Orchesterkultur. So durchsichtig hat man die Philharmoniker lange nicht mehr gehört. Das hat eine tänzerische angenehme Leichtigkeit, schwebt immer ein paar Zentimeter über dem Boden. Ständig entwickelt und verändert sich etwas. So entsteht eine Aufführung, die besser ist als das Stück. Insgesamt hat man gerne zugehört, aber die nächste Aufführung dieses Werkes kann ganz gerne noch einmal fünfzig Jahre warten.

Riesenschlange

Man kennt es noch aus der Zeit, als Kirill Petrenko fest an der Komischen Oper Berlin gearbeitet hat – auch da hat er gerne die großen spätromantischen Brocken ausgegraben (Josef Suk!). Die vierte Sinfonie von Franz Schmidt passt gut in diese Kategorie. Wagner, Bruckner und der frühe, noch tonale Schönberg scheinen hier Pate gestanden zu haben.

Glänzen können hier vor allem die Orchestersolisten: Weltklasse! Kirill Petrenko nimmt die hohe Emotionalität dieser Musik aber ebenso ernst. Franz Schmidt hat das Werk auf den Tod seiner Tochter geschrieben. Es ist eine dreiviertelstündige pausenlose Riesenschlange. Auf relativ konventionelle Teile folgen dann oft Aufschrei und Ausbruch.

Petrenko weiß, wie man damit umgeht. Es ist strukturell hervorragend einstudiert, zeichnet aber auch die herbe Schönheit bis zu den Katastrophenstellen beeindruckend nach. Die Philharmoniker haben sich gerne darauf eingelassen. Besser kann man das Werk nicht spielen.

Yuja Wang, Klavier; Foto: © Ian Douglas
Bild: Ian Douglas

Akrobatik und Artistik

Das dritte Klavierkonzert von Sergej Prokofjew enthält aberwitzige Schwierigkeiten – eigentlich genau das Richtige für die chinesische Virtuosenspielerin Yuja Wang. Zu Brahms oder Beethoven hat sie wenig Zugang, aber Prokofjew sollte doch eigentlich ihr Ding sein.  Technisch bewältigt sie alles ohne Mühe (so dass sogar – selten in Philharmoniker-Konzerten – schon nach dem ersten Satz applaudiert wird), aber musikalisch bleiben fast alle Wünsche offen.

Gerade einmal zwei grundverschiedene Spielarten zeigt sie: Entweder donnert sie in die Tasten oder es wird farblos und nichtssagend. Wo das Konzert mal auf Technik verzichtet, wirkt es hilflos. Das ist ein reines Technik-Abliefern. Als Akrobatik und Artistik kann man das noch akzeptieren, als ernsthafte musikalische Gestaltung nicht. Wie Yuja Wang mit diesen Defiziten eine solche Weltkarriere starten konnte, bleibt ein Rätsel.

Vorgeschmack auf mehr

Immerhin in der Orchesterarbeit konnte Kirill Petrenko an dieser Aufführung noch etwas retten. Er machte sein eigenes Ding – was nicht anders zu bewerkstelligen war, da die Pianistin jede wirkliche Kommunikation mit dem Orchester vermissen ließ. Da präsentierten wenigstens die Philharmoniker den ganzen Witz, die Luftigkeit, auch den Farbenreichtum dieser Musik.

Die Berliner Philharmoniker und Kirill Petrenko – das könnte eine gute Zusammenarbeit werden, allerdings steht der Härtetest mit den klassischen Standards noch aus. Wenn er seine erste Beethoven-Sinfonie mit dem Orchester spielt – und das wird er irgendwann tun müssen – wissen wir mehr.

Andreas Göbel, kulturradio

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