Der Pianist Menahem Pressler im kulturradio-Studio; Foto: Carsten Kampf

Philharmonie Berlin - Menahem Pressler und das Schumann Quartett

Bewertung:

Die meisten sind zweifellos seinetwegen gekommen: Menahem Pressler sorgte für einen fast ausverkauften Kammermusiksaal der Philharmonie. Als er zum Flügel begleitet wurde, gab es bereits Jubel im Publikum – und nach seinem Spiel stehende Ovationen.

Das war sicher auch der Respekt vor der Lebensleistung dieses Künstlers, der über ein halbes Jahrhundert mit seinem Beaux Arts Trio Maßstäbe gesetzt hat. Und der auch jetzt nach der Auflösung dieses legendären Ensembles nicht müde wird, mit anderen Ensembles zu spielen – bis hin zu den Berliner Philharmonikern.

Beseelt

Dass Menahem Pressler in diesem Alter nach wie vor als Kammermusiker aktiv sein kann, ist natürlich der Gnade seiner Gesundheit geschuldet, aber darüber hinaus auch seiner lebenslangen Erfahrung mit diesem Repertoire. Mit dem Klavierquintett von César Franck hat er ein inzwischen rar gewordenes Werk auf das Programm gesetzt, aber er kennt das natürlich wie seine Westentasche. So weiß er auch, was er sich zumuten kann: Er wählt ein sehr zurückhaltendes Tempo, das das Stück über zehn Minuten länger werden lässt als üblich. Und dort, wo seine Finger dann doch altersbedingt nicht mehr ganz so wollen, versteckt er sich geschickt hinter den Streichern.

Was sich aber bis heute überträgt, ist sein gewohnt kultivierter, hochmusikalischer Anschlag. Dort, wo zu viele andere Pianisten technisch perfekt, aber seelenlos spielen, singt es bei Menahem Pressler, hat eine Direktheit, man fühlt sich sofort angesprochen. Es gibt ein Wort dafür: beseelt. Er braucht wenige Töne, dass man ergriffen lauscht. Und das mit 94. Die Ovationen hat er zurechtbekommen.

Keine Angst vor der Legende

Nun spielt Menahem Pressler nicht mit jedem, und nach der Auflösung seines Trios wählt er seine Partner mit Bedacht. Das junge Schumann Quartett hat wirklich einiges zu bieten. Die vier sind unglaublich selbstbewusst. Gleich am Beginn dominiert ein kräftiger Ton, da hat man keine Angst vor der großen Legende am Klavier.

Das Quartett ist allerdings so sensibel und intelligent, sich auf Presslers Spiel einzustellen. Das Kraftmeierische des Beginns weicht bald einer Dichte im Ton. Dort, wo Pressler zwar leise spielt, aber so, dass es in die hinterste Ecke des Saals zu dringen scheint, ist es in den Streichern plötzlich ganz genauso. Es wird zu einer Unterhaltung mit Musik, zu einem Abtasten und einem Austausch. Man hatte das Gefühl, den Entstehungsprozess von Musik noch einmal ganz neu zu erfahren. Die Erfahrung des Alters und die Ideen der Jugend kamen zusammen, und man staunte.

Auf der Stuhlkante

Vor der Pause präsentierte sich das Schumann Quartett zunächst ganz alleine, am Beginn mit dem späten B-Dur-Quartett von Wolfgang Amadeus Mozart. Das ist immer ein Prüfstein, und offensichtlich wollten die vier auch zeigen, was sie könne und wie sie das alles durchdacht haben. Das sind auch keine verschreckten Veilchen, sie legen etwas vor, da ist auch jeder gleichberechtigt und fällt dem anderen gern mal ins musikalische Wort.

Das Quartett ist bis ins Kleinste geprobt, die Intonation ist sauber, man ist zusammen. Vielleicht ist es noch ein bisschen zu sehr auf der Stuhlkante, etwas zu berechnet. Man wollte zeigen, wie sehr man das alles beherrscht. Aber es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis die Überspannung weicht und sich die immerhin schon gelungenen Einzelteile zu einem Ganzen zusammenfügen.

Spannung und Entspannung

Peter Tschaikowskys hoch emotionales es-Moll-Quartett ist dagegen bereits jetzt ein ideales Werk für das Schumann Quartett. Der kräftige Zugriff ist genau richtig, das Schwere, das Melancholische. Die Länge des Quartetts mit fast 40 Minuten wirkt sich positiv aus – da muss man es auch mal laufen lassen, und das können sie sich leisten. Trotzdem hat es einen makellosen Ton. Vor allem aber ergreift es, das Verhältnis von Spannung und Entspannung stimmt, man lässt sich gerne mitnehmen, ohne dass es durchhängt. Die vier haben keine Angst vor großen Tieren, das hier ist es genau der richtige Weg.

Wenn sie so weitermachen, hat das Schumann Quartett eine große Karriere vor sich. Die Übermotiviertheit wird sich legen, und das Können ist bereits jetzt schon da, gut auch zu hören in der Zugabe zusammen mit Menahem Pressler: dem Intermezzo aus Dmitrij Schostakowitschs Klavierquintett. Da muss jeder mal solistisch ran, und Klavier und Streicher klangen hier in ebenbürtiger Reife zusammen. Das war einfach nur zum Heulen schön.

Andreas Göbel, kulturradio

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