Radialsystem V; Foto: Sebastian Bolesch
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Radialsystem V - "Dialoge - Wirbel"

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Am Samstag hat Sasha Waltz im Radialsystem ihre neue Dialoge-Reihe gestartet - als Teil ihres 25-jährigen Compagnie-Jubiläums in diesem Jahr. An vier Improvisationsabenden werden Künstlerinnen und Künstler zu Gast sein, die ihren Weg begleitet haben.

Es sind bedeutende, entscheidende Zeiten für Sasha Waltz, die wichtigste deutsche Choreografin. In diesem Jahr feiert sie das 25-jährige Bestehen ihrer Compagnie, im kommenden Jahr steigt sie in die Intendanz des Berliner Staatsballetts ein.

Die Erwartungen sind also hoch, wenn sie in diesen Wochen zu ihrer Dialoge-Reihe einlädt, seit Bestehen der Compagnie eine Reihe für Experimente, für Ortserkundungen und Stil- und Bewegungs-Erforschungen. Am Wochenende waren im Berliner Radialsystem die ersten Dialoge-Vorstellungen zu sehen.

Keine Ortserkundung – herkömmliche Aufführungssituation

Die Dialoge-Reihen waren für Sasha Waltz seit Beginn ihrer Karriere immer auch eine Art Testlabor, allerdings gibt es diesmal, anders als bei den heute legendären Dialoge-Abenden 1999 im Jüdischen Museum oder 2000 um und auf und in der Schaubühne oder 2004 im entkernten Palast der Republik keine Ortserkundungen.

Man flaniert nicht mit den Tänzerinnen und Tänzern durchs gesamte Haus und erkundet auch nicht wie im damals noch völlig leeren Neuen Museum die Räume und ihre Atmosphären – diesmal findet alles im Saal statt, das Publikum sitzt auf der Tribüne, die Tänzer sind auf der Bühne – alles entspricht einer herkömmlichen Aufführungs-Situation.

Damit fehlt schon mal ein großer Reiz und es entstehen auch andere Erwartungen, die nicht erfüllt werden.

Laborhaftes und Experimentelles mit guten alten Bekannten

Das Laborhafte, das Experimentelle ist geblieben. Für Sasha Waltz waren diese Dialoge-Abende immer Freiräume, Möglichkeiten, etwas auszuprobieren und zu wagen, neue Bewegungen, Stimmungen und Formen zu erkunden, ein Freiwerden vom Bisherigen und Suchen nach bislang Unentdecktem.

Zum Compagnie-Jubiläum hat sie nun frühere Weggefährten eingeladen, mit denen sie in den letzten 25 Jahren gearbeitet hat – es sind also viele alte Bekannte aus ihren früheren Choreografien auf der Bühne und es wird v.a. improvisiert.

Improvisationen – Ideen, Motive, Impulse – Sasha Waltz und Tochter

Improvisationen waren auch früher immer Teil der Dialoge-Abende, diesmal ist jedoch alles improvisiert, es scheint nur wenige Absprachen gegeben zu haben. Es geht um spontane Einfälle und situative Begegnungen, aus denen vielleicht etwas entsteht, um die Frage, wer Bewegungsmotive und -ideen findet, die von den anderen aufgegriffen und weiter entwickelt werden können. Die Tänzerinnen und Tänzer beobachten einander, versuchen etwas, greifen instinktiv und impulsiv Einfälle auf, führen sie weiter oder lassen sie los.

Das alles beobachtet und nur selten gesteuert von Sasha Waltz, die mit ihrer energisch-mutigen jungen Tochter auf der Bühne ist und am Sonnabend ein wenig erschöpft wirkte, da sie erst am Abend aus Paris von der Wiederaufnahme ihrer "Romeo-und-Julia"-Choreografie zurückgekehrt ist. Sie scheint sich in ihre Experimentiergruppe erst einfinden zu müssen.

Wohlgefälliges selten gestört

Eine Gruppe, die zu homogen ist - es fehlen Quertreiber, störrische Störer, die das Wohlgefällige, in das sich dieser Abend einschwingt, sabotieren oder hintertreiben – da funkt kaum jemand dazwischen, irritiert und blockiert die anderen. Dabei braucht ein reiner Improvisationsabend solche Stör-Impulse, die diesmal auch nicht von der Live gespielten Neuen Musik kommen, diese ist kaum mehr als ein begleitendes Irrlichtern, ein Tröpfeln, Knarzen und Kratzen von Lauten und Klängen von Cello, Percussion und elektronischer Musik, kein Spannungsraum, kein Widerhaken sondern nur begleitende Klang-Kulisse.

Begegnungen im allzu flüchtigen Vielleicht

Dazu improvisieren die Tänzerinnen und Tänzer vor allem Begegnungssituationen in Duo, Trio und kleiner Gruppe, kurz pulsierende intime Momente. Diese sind persönlicher und weniger repräsentabel als bei den früheren Dialoge-Abenden und sie bleiben im Ungefähren und Unschlüssigen, im allzu flüchtigen Vielleicht.

Energie, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit der Tänzer*innen sind v.a. nach innen gerichtet, auf das eigene Selbst, zu oft bleibt jeder in seinem eigenen Kosmos und die Aktionen bleiben kleinteilig und ohne Nachhall. Die skulpturalen Bilder, ungewöhnlichen Figuren und Hebungen, Witz, Spannung, Überraschung, all das, wofür Sasha Waltz berühmt ist, ist nicht zu sehen, es gibt kaum erinnerungswürdige stilistische Experimente.

Es ist als würde man einem Treffen von guten alten Bekannten zusehen, die ein bisschen was probieren, sich aber nicht wirklich herausfordern und es sich ganz gemütlich und wohlgefällig miteinander einrichten.

Aufwärmübungen, Probensituationen

Es ist auf Dauer langweilig, dabei zuzusehen. Man hofft bald auf ein schnelles Ende. Selbst wenn man zugutehält, dass dies Work-in-Progress-Abende sind, freies experimentelles Improvisieren, bleibt die Frage, warum man bei solchen Aufwärm-Übungen zuschauen soll, wie bei Proben-Situationen vor Beginn der eigentlichen Arbeit – solche Improvisationen finden täglich dutzendfach in den Tanzstudios statt, allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit und ohne die hohen Ticket-Preise des Radialsystems.

Das war zumindest zum Auftakt der schwächste Dialoge-Abend von allen bisherigen, wobei an den anderen, noch kommenden Abenden andere Künstlerinnen und Künstler improvisieren werden.

Diese neue Dialoge-Reihe mag eine Kraft- und Inspirations-Quelle für Sasha Waltz sein, dem Zuschauer gibt es wenig und Auskunft über das, was sie vielleicht in Zukunft versuchen wird, was vielleicht auf das Staatsballett zukommen könnte, gab es nicht. Am Ende freundlicher und etwas ratloser Applaus an einem Abend, den man bei dem schönen Wetter auch sehr gut anders hätte verbringen können.

Frank Schmid, kulturradio

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