Sophiensaele: Syn- © Anna Agliardi
Anna Agliardi
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Sophiensaele - Jochen Roller & Friederike Lampert & Nationalballett Kosovo: "Syn-"

Bewertung:

Klassisches Ballett trifft auf Club-Musik und Zeitgenössischen Tanz

Das ist die durchaus ungewöhnliche Idee des Stückes "Syn-", eine Gemeinschaftsarbeit des Berliner Choreografen Jochen Roller mit der Hamburger Choreografin Friederike Lampert und v.a. mit dem Nationalballett Kosovo. Eine Choreografie aus zeitgenössischer Perspektive für Ballett-Tänzerinnen und –Tänzer.

Klassisches Ballett und House-Music

Die 13 Tänzerinnen und Tänzer des Nationalballetts Kosovo tanzen zur dunkel und fett basslastig dröhnenden, von harten Rhythmen angetriebenen House-Music aus den Clubs von Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, wo das Nationalballett im Zentrum der Stadt auch seinen Sitz hat. Alle Tänzer sind an der Ballettschule des Nationaltheaters ausgebildet, sie gehören zur ersten Tänzer-Generation nach dem Jugoslawien-Krieg und sind sich dieser Tatsache wohl auch sehr bewusst, wie Jochen Roller vor der Premiere erzählt hat. Es gebe sehr starke familiäre Strukturen unter ihnen, der Zusammenhalt sei sehr ausgeprägt.

Genau darauf setzt auch die Choreografie – der Titel "Syn-" bezieht sich auf das griechische Präfix, das "zusammen, gemeinsam" bedeutet. Hier gibt es keine Solisten mit Sonderrolle, die recht heterogen besetzte Compagnie mit auch vorhandenen Unterschieden in der Beherrschung der Ballett-Technik wird als Kollektiv, als Gemeinschaft inszeniert – es gibt fast ausschließlich Gruppen-Szenen.

Standardisierte Positionen, Haltungen, Bewegungen in Verlangsamung

Jochen Roller und Friederike Lampert lassen die Tänzer ausschließlich Klassisches Ballett tanzen und zwar ohne eine Handlung und in den standardisierten Körperpositionen, -Haltungen und -Posen, in den Sprüngen, Drehungen, Arabesken und Pirouetten. Fast das gesamte Arsenal wird durchgespielt und das in Geraden, in Diagonal- und Kreis-Schritten und –Läufen oder zentral auf der Bühne – da alles extrem verlangsamt vorgeführt wird, selten beschleunigt, den Rhythmen der Musik angenähert, wirkt das mitunter wie ein Exerzitium.

Sophiensaele: Syn- © Anna Agliardi
Bild: Anna Agliardi

Kontraste und zwei Welten

Der Kontrast zur heftig vorantreibenden, wüst wummernden House-Musik könnte nicht größer sein, wie auch zu der DJane, die hinter ihrem hohen DJ-Pult samt unvermeidlichem Laptop thront. Sie tanzt in ihrem goldschimmernden hautengen Latexanzug und auf Highheels ungezügelt und ungehemmt die andere Formensprache des Abends: den cool-lässigen, erotisch aufgeladenen Ego-Tanz der Clubszene – Schaut mich an, ich bin sexy – während die Ballett-Tänzer zwar lächelnd und vermutlich auch freudvoll im Ballett-Korsett stecken bleiben.

Jochen Roller und Friederike Lampert lassen hier also zwei Welten aufeinanderprallen, ohne zwischen ihnen vermitteln zu wollen.

Keine produktive Reibung, kein Funkenflug

Nur entsteht aus diesem Aufeinanderprallen keine produktive Reibung, kein Funkenflug, nichts Neues und Anderes. Das Ganze wirkt im Gegenteil etwas pedantisch, eine gegenseitige Bereicherung findet nicht statt – zumal auch choreographische Prinzipien des Zeitgenössischen Tanzes, etwa im Umgang mit Raum, Szenen, Figuren, Präsenz, Tempo oder Dynamik nicht zum Einsatz kommen. Die Tänzer exerzieren ihr Bewegungs-Repertoire, die Musik dröhnt und rumort, die DJane ist verzückt von sich selbst - man schaut zunehmend ratlos zu.

Jochen Rollers "Finding Germany elsewhere"-Trilogie

Und hätte gerade von Jochen Roller mehr erwartet, denn er ist bekannt für ungewöhnliche Ideen und Konzepte. Er hat in seiner "Finding Germany Elsewhere"-Trilogie zum Beispiel traditionellen Tanz aus Samoa mit bayerischem Schuhplattler gemixt - die wuchtigen samoanischen Tänzer beim Schuhplattlern, das war ein Hingucker. Er hat zeitgenössische Tänzer alte deutsche traditionelle Volks- und Trachtentänze aufführen lassen oder den ersten "Winnetou"-Band von Karl May von Frauen aus queer-feministischer, postkolonialer Perspektive nachspielen lassen. Das waren immer Kontrast-Setzungen, die beim Betrachten zumindest die Hirnsynapsen zum Glühen gebracht haben – hier geschieht nichts dergleichen.

Zwei Parallel-Welten – keine Neu-Interpretation, keine Hybridform

Denn das Konzept ist zu eng und klein gedacht, es reicht nicht zwei parallel nebeneinander existierende Tanzformen: Klassisches Ballett und Club-Szene nur kollidieren zu lassen und nicht danach zu fragen, was aus der Kollision entstehen könnte.

Man kann zwar man in Momenten der Stille die Grazie und Schönheit, die Formenvielfalt und Virtuosität des Klassischen Balletts genießen oder sich innerlich hüpfend der Deep-House-Music hingeben. Aber Roller und Lampert lassen kaum Variationen, Abweichungen und Störungen zu, lassen die Tänzer nicht frei und von der Leine, suchen auch nicht nach einer Vereinigung beider Welten oder gar nach Hybridformen. Sie setzen lediglich das Klassische Ballett in einen anderen Kontext – eine Neu-Interpretation oder Umdeutung der Formensprache des Balletts kann so nicht gelingen.

Letztlich fehlt es vielleicht an der Überzeugung, vielleicht an der Bereitschaft, Risiken einzugehen – so bleibt es bei einer Ballett-Trainingsstunde zu Club-Musik.

Frank Schmid, kulturradio

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