Staatsballett Berlin: Romeo und Julia © Fernando Marcos
Fernando Marcos
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Staatsballett Berlin - "Romeo und Julia"

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Es ist die berühmteste und herzerweichendste Liebesgeschichte der Welt: "Romeo und Julia". Für seine letzte abendfüllende Premiere mit dem Berliner Staatsballett hat sich der scheidende Staatsballett-Intendant Nacho Duato einen Selbstläufer ausgesucht.

Diese Geschichte mit den Mitteln des Balletts und der Musik von Sergej Prokofjew erzählt, verzaubert die Menschen seit Generationen. Gestern hatte das Staatsballett Premiere in der Berliner Staatsoper.

Gediegen erzählt, tiefschwarze Grabesgruft, Banalitäten

Ein Publikumserfolg könnte diese "Romeo und Julia"-Fassung in Anbetracht der freundlichen Reaktion gestern vielleicht werden. Duato erzählt die tragische Geschichte ganz gediegen, ohne Experimente, ohne Risiko, ohne Verfremdung oder Modernisierung. Alles läuft auf das große Finale zu, auf den Liebestod der beiden in der hier tiefschwarzen Grabesgruft. Romeo und Julia im Tode vereint, zu Füßen des hohen schwarzen Sarkophags, ineinander gesunken, ein Abbild der Liebe, die nicht hat sein dürfen, die jedoch, wenn man romantisch veranlagt ist, nun für die Ewigkeit gültig ist.

Diese Schluss-Szene gelingt Duato dramatisch und berührend, wenn man über den unnötigen Einsatz von Kunstnebel hinweg sieht, aber diese Schluss-Szene kann man auch kaum verhauen. Der Weg dorthin, in dieses Grabmal der Liebe, war allerdings von einigen Banalitäten geprägt und zur Premiere leider auch von der Frage, was das eigentlich für ein Liebespaar sein soll, das nicht ohne einander sein kann.

Staatsballett Berlin: Romeo und Julia © Fernando Marcos
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Kein Liebes-Funkeln trotz einer brillanten Polina Semionova

Es hat schlichtweg nicht gefunkelt zwischen Polina Semionova und Ivan Zaytsev, beide als Gäste beim Staatsballett, beide haben schon in Duatos "Romeo und Julia" in St. Petersburg die Titelrollen getanzt, denn auch dies ist, wie die meisten seiner bisherigen Berliner Choreografien, die Neu-Bearbeitung einer eigenen älteren Fassung. V.a. Ivan Zaytsev bleibt blass als Romeo, ein smarter Herumtändler, bevor er seine Julia trifft, ein doch eher maßvoll Schmachtender in der Verliebtheit, erst in der Tragik am Ende scheint er seine Figur gefunden zu haben.

Polina Semionova hingegen hat ihrem Status als Berliner Publikumsliebling ein weiteres Kapitel hinzugefügt. Sie ist darstellerisch und tänzerisch faszinierend, ist brillant als herumhüpfendes kindliches Mädchen wie später als Liebende, deren Körper und Herz sich in die Unendlichkeit ausdehnen möchten, brillant, wenn sie trotzig und nur unter Zwang mit dem Zwangsverlobten tanzt oder mit ihren Eltern ringt und in der Verzweiflung, in der sie sich den Dolch in den Leib stößt. Wegen Polina Semionova lohnt sich dieser Abend – es wird sich zeigen, wie er funktioniert, wenn sie in den Folge-Vorstellungen nicht die Julia geben wird.

Sinnvoll, geschmackvoll und überraschungsarmes Bebildern

Nacho Duato bebildert das Drama, erzählt mit leichter Hand, mit schlichten Ausdeutungen der jeweiligen Szenen. Der Trubel auf dem Marktplatz ist trubelig, die Ballszene bei den Capulets höfisch – hier verschenkt er allerdings die Möglichkeit, im dunkel-düsteren Tanz der Ritter die Grausamkeit des Ganzen anzureißen – Romeos Freunde sind herumtollende Jungs, Julias Amme, von der wunderbaren Beatrice Knop verkörpert, ist fürsorglich-streng, ihre Eltern dominant, der Pater, der Frieden stiften will und mit seinem Schlaf-Gift für das Unheil sorgt, ist mildtätig überfordert – alle Figuren und Szenen sind überraschungsarm, ohne Komplexität inszeniert.

Das ist durchaus sinnvoll, geschmackvoll und sensibel, einfach und geradeheraus erzählt, aber auch reichlich unterspannt und ohne jede eigenen Deutung und Interpretation. Und es hat in der Geschichte des "Romeo und Julia"-Balletts einige Auslegungen gegeben, sei es aus feministischer Perspektive oder aus der Perspektive von Macht und Unterwerfung.

All das interessiert Dutao nicht, er erzählt schnörkellos und schlicht und so ist auch sein Tanz, diese Abwandlung des Klassischen Balletts, das nur noch in Spurenelementen zu sehen ist. Das Komödiantische und Fröhliche der Narren- und Marktszenen liegt ihm, wie das Tragische am Ende - die Intimität der Liebe und das Wirken des Schicksals zu zeigen, ist seine Sache nicht. Alles ist repräsentabel inszeniert, plätschert aber auch oft nur vor sich hin und lässt sich unaufgeregt weggucken.

Staatsballett Berlin: Romeo und Julia © Fernando Marcos
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Repräsentative, schick-eingängige Belanglosigkeit

Mit dieser Choreografie gelingt Duato immerhin eine passende Rückkehr des Staatsballetts an die Staatsoper Unter den Linden. Das Gediegene dieser Choreografie, die äußerst geschmackvollen, wunderschönen, leicht historisierenden Kostüme, das elegant-moderne Bühnenbild auf das Notwendigste reduziert – das ist alles ansehnlich und repräsentativ und die Berliner Staatskapelle spielt unter Leitung von Paul Connelly meisterhaft blitzend und leuchtend, Sergej Prokofjews Musik klingt fabelhaft.

Eigentlich passt alles, nur dass Nacho Duatos vorab geäußerter Wunsch, die Geschichte möglichst "irdisch" erzählen zu wollen in eine schicke, süffig-eingängige Belanglosigkeit führt.

Sein letztes abendfüllendes großes Ballett, Ende Mai zeigt er ja noch eine kurze Berliner Erstaufführung, ist genau genommen ein Abbild seiner Intendanz: fast wäre es gut gewesen.

Frank Schmid, kulturradio

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