"Daniel Barenboim"; © Holger Kettner
Holger Kettner
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Staatsoper Unter den Linden - Daniel Barenboim dirigiert Claude Debussy

Bewertung:

Im Laufe der Saison hat Daniel Barenboim mit der Staatskapelle einen kleinen Debussy-Zyklus zum 100. Todestag des Komponisten erarbeitet. Der letzte, wieder sehr gelungene Teil musste indes gegen die heikle Akustik in der Staatsoper ankämpfen.

Das Besondere an diesem kleinen Debussy-Zyklus, der in Berlin auf die gesamte Saison verteilt war und nur nächste im Wiener Musikverein als Gastspiel-Zyklus erklingen wird, ist der breite Focus. Nicht nur so bekannte Werke wie "La mer", sondern auch "Le martyre de Saint-Sébastien", die Villon-Balladen oder die Kantate "La damoiselle élue" hat Daniel Barenboim ausgewählt, und das ist mehr als nur verdienstvoll.

Überhaupt lässt die frühe Kantate "La damoiselle élue" aufhorchen. Debussy hat das als letzten Beitrag seines Rom-Stipendiums geschrieben, das er vorzeitig abgebrochen hat. Das ist ein Text über eine früh verstorbene Jungfrau, die in den Himmel gekommen ist und sich dort ganz furchtbar nach ihrem Geliebten sehnt, der noch auf der Erde weilt. Erstaunlich ist hier, wie sehr man den späteren Debussy schon durchhört: das harmonisch Unbestimmte, das leicht Archaische, die feine, raffinierte Instrumentierung. Mit den späteren Meisterwerken kann das natürlich noch nicht mithalten, aber die Aufführung bringt immerhin eine erhellende Erkenntnis.

Anna Prohaska © Harald Hoffmann/DG
Bild: Harald Hoffmann/DG

Balance-Problem

Daniel Barenboim nimmt diese Kantate ganz fein, mit einem Gespür für große Durchsichtigkeit. Er versucht, überhaupt nichts hineinzuinterpretieren, und das ist genau der richtige Ansatz.

Allein sängerisch ist es problematisch. Anna Prohaska versucht, ihren großen Monolog der auserwählten Jungfrau ganz schlicht zu halten mit stimmlicher Wärme und leisen Tönen. Allerdings scheint sie die heikle Akustik in der Staatsoper unterschätzt zu haben. Sie wurde oft vom Orchester übertönt. Das ganze litt unter einem Balance-Problem.

Die Schmähungen François Villons

Eine dankbarere Ausgangssituation hatte die Mezzosopranistin Marianne Crebassa in den drei Balladen von François Villon. Keine Jungfrau im Himmel, dafür ein deutlich sprachlich saftiger Text mit Schmähungen und Beschimpfungen, wenn es etwa heißt: "Alt werde ich sein, und du hässlich und farblos."

Dafür hat Claude Debussy selbstredend wesentlich kräftigere Klangfarben gefunden, und Marianne Crebassa gelingt es überzeugend, kleine Szenen daraus zu formen und mit den Emotionen zu spielen. Das hat Vergnügen bereitet.

Die versteckten Sirenen

Eine Überraschung gab es in Debussys Nocturnes. Im letzten Teil ist ein Vokalisen-singender  Frauenchor vorgesehen. Hier stand er aber nicht als Chor erkennbar hinter dem Orchester, sondern war im Orchester selbst versteckt. Ein großartiger Effekt, die "Sirenen" unsichtbar, aber desto deutlicher hörbar zu inszenieren. Überhaupt hat Daniel Barenboim sehr viel Sinn für die orchestralen Raffinessen Debussys mitgebraht. Während er manchmal gerne über Dinge hinwegdirigiert und es einfach laufen lässt, hat er sich hier ins Zeug gelegt und gezeigt, welch große Herzensangelegenheit dieser Debussy für ihn ist. Klänge schienen von ganz weit entfernt zu kommen, überhaupt war das Leise in dieser Präsentation das Stärkste. Und die Staatskapelle bewies ihren Spitzenstatus.

Nur wollte Daniel Barenboim mitunter zu viel. Er wählte teilweise extrem langsame Tempi, und so blieb die Dramaturgie auf der Strecke. Schöne Klangmomente, ohne dass wirklich etwas passierte, und so gab es neben faszinierenden Einzelphänomenen auch bisweilen Langeweile auf höchstem Niveau.

Die Akustik der Staatsoper

Aber man muss einen Teil dessen auch der Akustik in der Staatsoper anlasten. Sicher ist es durch die Sanierung etwas besser geworden, aber es ist bei weitem nicht so gut, wie es so manche Lobeshymne nach der Wiedereröffnung glauben machen wollte. Es klingt sehr direkt, sehr durchsichtig, aber eben immer noch viel zu trocken.

Gerade in Debussys "La mer" müssen sich die Farben des Klangzauberers Debussy mischen, und das findet hier nicht statt. Man hört alle Zutaten einzeln, aber umgerührt wird nicht. Und die kräftigen Ausbrüche bewegen sich wie eine massive Klangwand auf den Hörer zu. Da klingen Hörner und Posaunen einfach nur noch übersteuert. "La mer" – die Klang gewordene Faszination der Gewalten, das Wasser, das nie gleich ist, mal ruhig, mal aufbrausend in Millionen Farben. Da hat die Akustik Daniel Barenboim einen Strich durch die Rechnung gemacht, und das ist schade, weil es hörbar hervorragend einstudiert war. Glücklicherweise gibt es das Konzert noch einmal in der Philharmonie, und da wird es garantiert besser klingen.

Andreas Göbel, kulturradio

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