Simon Rattle; © Stephan Rabold
Stephan Rabold
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Berliner Philharmonie - Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Simon Rattle

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Eine verstörende Uraufführung von Hans Abrahamsen und die vervollständigte viersätzige Fassung der Neunten von Bruckner. Ein schöne Kombination, die sich Simon Rattle ausgedacht hat. Wenn es nur ein bisschen sorgfältiger geprobt gewesen wäre.

Simon Rattle scheint die großen sinfonischen Fragmente zu schätzen. Auch Gustav Mahlers zehnte Sinfonie dirigiert er gerne in der vervollständigten Fassung. Bruckners Neunte viersätzig zu geben, ist fast ein Tabubruch. Denn diese Sinfonie hört man häufig – aber eben nur die von Bruckner abgeschlossenen ersten drei Sätze. Dabei gibt es in der vervollständigten, so Rattle augenzwinkernd, weniger Fremdzutaten als in Mozarts Requiem. Auf jeden Fall aber ist das für den Dirigenten eine Herzensangelegenheit – immerhin hat er auch das Finale der Neunten auswendig dirigiert.

Bis zwei Monate vor seinem Tod hat Anton Bruckner an diesem Sinfoniefinale gearbeitet. Es sollte die Krönung nicht nur dieser Neunten werden, sondern seines gesamten Schaffens. Immerhin hatte er die Sinfonie "dem lieben Gott" gewidmet, und da schreibt man eben natürlich nicht einfach irgendwas. Über achtzig Prozent des Satzes sind in Skizzen und Entwürfen überliefert. Es hätten noch mehr sein können, wäre man nach Bruckners Tod mit seinem Nachlass nicht so nachlässig umgegangen. Natürlich musste man viel nachinstrumentieren und einiges ergänzen, und man weiß auch nicht, was Bruckner vielleicht noch während dieser Arbeit geändert hätte. Aber an das, was er bis zu seinem Tod erdacht hat, kommt diese Fassung, an der vier Musikwissenschaftler immerhin drei Jahrzehnte gearbeitet haben, schon sehr nahe heran.

Unruhige Monolithen

Mit dieser Hörerfahrung muss man erst einmal umgehen. Statt 60 Minuten sind es jetzt 80, und man weiß, nach diesem ausgedehnten langsamen Satz kommt noch etwas. Das eigentliche Problem hatten die Berliner Philharmoniker aber mit der Tatsache, dass sie auf Tournee gehen – London, Wien, Amsterdam etc. – und dieses Programm, aber auch noch ein zweites, das ebenfalls am Wochenende in der Philharmonie zu hören war, vorzubereiten hatten. War das alles etwas zu viel in der kurzen Zeit?

Die ersten drei Sätze der Neunten von Bruckner – die lassen sich ja gut vergleichen – nahm Simon Rattle gewohnt engagiert. Er wollte die Motive nicht nur zeigen, sondern auseinander entwickeln, alles irgendwie miteinander verbinden, das Ganze lebendig gestalten. Das schoss ein wenig über das Ziel hinaus. Denn gerade in Bruckners Neunter stehen die einzelnen Blöcke wie Monolithen in der Gegend herum. Da gibt es nicht viel zu verbinden, vielmehr müsste sich die Musik einfach ereignen. Statt dessen zu oft Unruhe, Hektik, für Philharmoniker-Verhältnisse erstaunlich fahrig und ungenau. Dort, wo man sich Zeit und Ruhe gönnte, stellte sich sofort die Bruckner-typische Erhabenheit ein, aber das waren wenige Momente. Man ist offensichtlich einfach nicht fertig geworden. Das war eher die Generalprobe für die Tournee.

Hölle vs. Paradies

Erkennbar mehr wurde in das Finale der Neunten investiert. Das hatte ein erkennbares Gesicht, auch das ganze Orchester stürzte sich mit beeindruckendem Furor in diesen sinfonischen Wahnsinn.

Was kann man über diesen Satz in dieser Version sagen? Bei aller Vorsicht angesichts einer Rekonstruktion und Vervollständigung von fremder Hand ist diese Musik noch dissonanzenreicher als die vorausgehenden Sätze. Da scheint ein tief gläubiger Mensch, der Bruckner erwiesenermaßen war, noch einmal grundsätzlich mit seinem Schöpfer zu ringen, findet noch keine Ruhe. Das muss alles noch durch ein Fegefeuer durch. Brutale Härte gegen hymnische Erhabenheit, Hölle gegen Paradies. Wie das Werk endet, bleibt Spekulation, aber diese Fassung haben die Philharmoniker mit wirklich überzeugender Konsequenz vermittelt.

Skrupulöse Psychogramme

Fast hätte man die Uraufführung zuvor vergessen. Statt achtzig Minuten nur sieben dauern die drei Orchesterstücke des Dänen Hans Abrahamsen. Der ist ein extrem skrupulöser Komponist, schreibt sehr langsam, und zehn Jahre hat er überhaupt nicht komponiert. Seine Werke sind kompriminierte Psychogramme, Annäherungen an Zustände, gerne auch Anklänge an Vergangenes aus der Musikgeschichte.

Auch diese drei Orcherstücke, an denen er immerhin auch vier Jahre gearbeitet hat, sind Umformungen eigener Klavierstücke, die er sehr viel früher geschrieben hat.

Uraufführung als Generalprobe

In diesen drei Stücken zeichnet Hans Abrahmsen ebenfalls Zustände nach. Das erste ist ein ständiges Kreisen, das immer irgendwohin will und nirgendwohin kommt. Anschließend: Spieluhrgeklimper, dann ein komplexer Rhythmus über dumpfen Linien. Man fragt sich: Wo geht das jetzt hin? Falsche Frage. Es verharrt in einem Kreisen um sich selbst. Das ist Musik, unglaublich verstörend und faszinierend.

Bei dieser Uraufführung schienen die Berliner Philharmoniker noch ein wenig ratlos zu sein. Die Stücke, so klar sie sich geben, sind doch rhythmisch extrem heikel, und da spürte man im Orchester eine hohe Konzentration, ein ziemliches Unbehagen mit einer Musik, die noch nicht ganz verstanden zu sein schien. Auch hier hatte das eher den Charakter einer Generalprobe. Das nächste Mal gibt es das auf Tournee in London. Da wird es sicher besser.

Andreas Göbel, kulturradio

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