Diana Damrau, Sopran; Foto: © Virgin Classics / Eric Richmond
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Deutsche Oper Berlin - Gaetano Donizetti: "Maria Stuarda" (konzertant)

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Konzertante Aufführungen von Belcanto-Opern setzt man nur an, wenn man die passende Besetzung dafür hat. Die gab es in Gestalt von Diana Damrau in der Titelpartie. Und auch sonst hatte der Abend einiges zu bieten.

Gaetano Donizettis "Maria Stuarda" ist ein Paradestück für konzertante Aufführung. Die Oper lebt von direkten Gegenüberstellungen, im Zentrum die große Szene zwischen Maria und Elisabeth, in der sich beide schlimmste Beleidigungen an den Kopf werfen. Daneben viele intime, kammerspielartige Szenen. Wo da die Sängerinnen und Sänger auch darstellerisch überzeugen, braucht man keine Extra-Regie. Zumal man angesichts zahlreicher Regie-Flops an der Deutschen Oper in letzter Zeit darüber froh war.

Dabei war die Aufführung sogar fast halbszenisch. Alle sechs Sängerinnen und Sänger konnten ihre Partien auswendig. Das ist nicht selbstverständlich – oft genug bedeutet konzertant: starr hinter Notenständern. Hier wurde richtig gespielt, teilweise sogar mit Requisiten. Da wurde das Todesurteil für Maria Stuart sogar mit einer Schreibfeder unterzeichnet. Und bei den Dialogen gab es Blicke und Berührungen. Die vernichtenden Blicke der beiden Protagonistinnen waren jedenfalls vom Allerfeinsten. Besser unterhalten kann man sich nicht fühlen.

Bedingungslose Liebe und abgrundtiefer Hass

Anlass für diese konzertante Premiere war Diana Damrau, da füllt sich ein so großes Opernhaus wie die Deutsche Oper auch an einem Montagabend. Die Sopranistin ist nicht nur als Darstellerin Extraklasse. Sie lebt die Emotionen ihrer Partie sichtbar aus, hält sich entrüstet oder schockiert am Gitter des Dirigentenpults fest.

Stimmlich ist bei ihr alles bis ins kleinste Detail ausgeleuchtet. Natürlich gibt es klare emotionale Zuordnungen wie bedingungslose Liebe oder abgrundtiefen Hass. Diana Damrau schafft jedoch die Zwischentöne, so dass da nicht mehr nur eine stereotype Figur auf der Bühne zu erleben ist, sondern ein Mensch, der Gefühle hat wie letztlich auch jeder im Publikum.

Gestaltungskunst auf höchstem Niveau

Diana Damrau weiß genau, wie man intensivste Emotionen über die Rampe bringt. Da schleudert sie einen Spitzenton heraus, nimmt ihn aber sofort wieder zurück. Das ist technisch schon mehr als bemerkenswert, zeigt aber darüber hinaus auch die Verletzlichkeit und das Innehalten ihrer Figur.

Sie ist eine Meisterin der Zwischentöne und kann es sich auch leisten. Schon vor der Pause agiert sie mit einer Kraft, dass andere da schon am Ende wären. Aber im zweiten Akt findet sie zu einer Schlichtheit in der Gestaltung und auch leisen Tiefe. Wenn Maria in der Beicht-Szene Rechenschaft über ihre eigenen Verfehlungen ablegt, mit einer Ehrlichkeit auch ihr Scheitern eingesteht, ist das Gestaltungskunst auf höchstem Niveau.

Runde Ensembleleistung

Da haben es alle schwer mitzuhalten. Marias Gegenspielerin Elisabeth hat immer etwas schlechtere Karten. Dazu ist die Rolle einfach weniger facettenreich. Jana Kurucová, Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin, muss sich die Höhen eher mit Kraft ersingen, wirkt stimmlich schmaler disponiert, schlägt sich aber tapfer in einer gewissen Unnahbarkeit und lässt nach der Pause Abgründ erahnen. Und im Dialog mit Maria Stuart zeigt sie, dass sie durchaus mithalten kann.

Javier Camarena in der Rolle des Grafen Leicester beginnt den Abend als Schmetter-Tenor, teilweise unangenehm laut, gewinnt aber im Verlauf an Kontur und Differenziertheit. Insgesamt – das betrifft alle Partien – ist der Abend eine runde Ensembleleistung, sehr kompakt und intensiv.

Orchester rehabilitiert nach "Fledermaus"-Debakel

Der junge italienische Dirigent Francesco Ivan Ciampa weiß, die man Belcanto begleiten muss. Der Chor agiert gewohnt stimmgewaltig und souverän. Das Orchester ist in erstaunlich guter Verfassung, nachdem es in der vollständig missglückten "Fledermaus"-Produktion erschreckend unter Niveau gespielt hat.

Diesmal ist alles messerscharf zusammengehalten. Francesco Ivan Ciampa hat verstanden, worum es bei Donizetti geht. Nicht um interpretatorische Feinheiten, sondern um die knappe und kurze farbliche Zeichnung jeder Szene und um die Unterstützung der Sänger. Mehr hat er am Pult nicht gemacht, aber genau das war das Richtige. Insgesamt also eine Produktion, die sich hören lassen konnte.

Andreas Göbel, kulturradio

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