Komische Oper Berlin | Selme © Monika Rittershaus
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Komische Oper Berlin - "Semele"

Bewertung:

Die Oper "Semele" zählt heute weltweit zu den beliebtesten Werken aus der Feder Georg Friedrich Händels. Barock-Spezialist Konrad Junghänel sowie Chefregisseur und Intendant Barrie Kosky setzen auf das menschliche Drama hinter den göttlichen Ränkespielen.

Nachdem Regisseurin Laura Scozzi nach Probenbeginn krankheitsbedingt ausgefallen war, hatte Hausherr Barrie Kosky kaum eine Wahl. Er wird sich gesagt haben: Wenn mein (guter) Name druntersteht, verkauft sich’s noch mal so gut. Darin hat er Recht; im Übrigen zeigt es die Entscheidung eines verantwortungsvollen Theaterdirektors, der sich nicht drückt.

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Kann man so machen, muss man aber nicht

Mit knapp 3 ¾ Stunden ist der Abend nicht ganz kurz. Wenn nach solcher Anstrengung immer noch gejubelt wird, muss Kosky inszenatorisch was richtig gemacht haben. Den von seiner Vorgängerin geerbten, verkohlten Stuckwinkel – die pittoresk freudlose Gasse aus einem expressionistischen Horror-Stummfilm – hat er noch weiter angeschwärzt, so dass man jeden Augenblick Nosferatu um die Ecke biegen sieht. Semele entsteigt hier als Phönix genau jener Asche, zu der sie zuvor – im unertragenen Anblick Jupiters - verbrannt war. Der Mythos läuft in sich selbst zurück. So könnte kann eigentlich jeden mythologischen Stoff inszenieren. Insofern: eine anbietbare, aber austauschbare Lesart. Der Rest ist Personenregie im handlungslosen Luftraum. Schließlich ist "Semele" ein Oratorium, in dem wenig genug Handlung steckt. Mit anderen Worten: Kann man so machen, muss man aber nicht. 2 bis 2 minus.

Dass die Sänger vom Haus kommen und keine Spezialisten sind, war öfters mal ein Problem der Händel-Aufführungen an der Komischen Oper (wie kürzlich bei "Giulio Cesare"). Da mittlerweile meist in der Originalsprache, hier also auf Englisch gesungen wird, sind die Besetzungen aber international konkurrenzfähiger geworden. Das sängerische Niveau dieser "Semele" ist damit höher als bei den meisten Händel-Vorgängern am Haus. Nicht nur in Gestalt von Nicole Chevalier in der Titelrolle, die sich am Premierenabend als stimmlos, geplagt von einem Virus, ansagen lassen musste, um anschließend für ihr Leben zu singen und entsprechend gefeiert zu werden. Handverlesen auch: Katarina Bradić als Ino, Ezgi Kutlu als zickige Ehemama Juno und Allan Clayton als Jupiter, welcher mit langen Locken aussieht wie der Vater der Kelly-Family. (Der Regisseur hat Humor.)

Dirigent Konrad Junghänel kennt das Orchester, hat eigene Instrumentalisten mitgebracht und erreicht ein schlieriges, strähniges, nasses Klangbild. Wozu der nicht zu gerade singende Chor gut passt. Wenn schon mit einem traditionellen Orchester, denn schon mit einem traditionellen Orchester; das indes immer einen Schritt über sich hinaus tut. Mir hat das gut gefallen.

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Kosky ist Kosky

Ob dieses Oratorium überhaupt auf die Bühne gehört, wird von der Inszenierung nicht zwingend beantwortet. Die schönsten Arien sind die im Schneckentempo. Nirgendwo sonst hat Händel so viele, herrlich laaangsame Stücke komponiert. Die wirken aber besser, wenn man sie nicht ständig mit Handlungsaktionismus untermalt. So dachte ich im Grunde: Naja ... Im Schnitt der Premieren der letzten Monate ist das aber immer noch ein gutes Ergebnis. Kosky ist Kosky. Glück gehabt.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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