"Nicola Benedetti"; © Simon Fowler
Simon Fowler
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Komische Oper Berlin - Komische Oper Berlin: Sinfoniekonzert 6 mit Kristjan Järvi und Nicola Benedetti

Bewertung:

Die schottische Violinistin Nicola Benedetti begeistert weltweit das Publikum. Gestern war sie an der Komischen Oper in Berlin mit ihrer Interpretation von Dmitri Schostakowitschs 1. Violinkonzerts zu hören. Am Pult des Orchesters stand der estnische Dirigent und Komponist Kristjan Järvi.

Auf dem Papier sah es aus wie ein faszinierender Hör-Spaziergang durch das letzte Jahrhundert mit Ausblick auf das unsrige, aber nicht jede Rechnung ging dabei auf. Arvo Pärts "Schwanengesang" als Konsequenz aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts ist ein melancholischer, sanft sentimentaler Rückblick. Ein faszinierender Kontrast zum Zeitzeugen Schostakowitsch, dessen 1. Violinkonzert nicht einmal aufgeführt werden konnt.

Faszinierend

Nicola Benedetti war die faszinierende, ungeheuer präsente Interpretin. Wie sie die langen Melodien des 1. Satzes und die brutalen Tänze des 2. und 4. Satzes gestaltete, das ließ das Orchester trotz energischer Anfeuerung durch Kristjan Järvi oft zurückbleiben, nachvollziehend anstatt auf der Höhe agierend. Überhaupt fiel im Lauf des Abends immer mehr auf, das Järvi zwar eine aufsehenerregende Show am Pult liefert, aber wenig Wirkung auf die rhythmische Präzision des Orchesters hatte. Er ist etwas zu sehr von der Musik und sich selbst begeistert.

John Williams Titelsong zu Shindler’s List funktionierte im Anschluss überhaupt nicht. Die hemmungslose Tränendrüse wirkt einfach peinlich nach Schostakowitsch.

Nach der Pause ein Musical-Arrangement aus Weills Johnny Johnson, das angesichts der Story eines immer desillusionierteren amerikanischen Soldaten im 1 .Weltkrieg zu viel Glamour und zu wenig Tragik aufzubieten hatte. Unterhaltsam war es aber allemal, denn die Szenen bieten atemberaubende Kontraste.

Verzichtbar

Ich hoffe sehr, dass die mit viel Appblomb angekündigte Fernsehserie "Babylon Berlin" etwas weniger vom platten Effekt bestimmt wird als die vom Dirigenten Järvi komponierte Musik dazu. Minimal Music im Großstadt Beat für die Atmosphäre der 20er Jahre, mag ja hingehen. Aber die 20 Minuten Überlänge dieses Konzertabends inklusive Mitklatschen à la Mallorcas Ballermann - darauf hätte ich gut verzichten können.

Clemens Goldberg, kulturradio

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