Grigory Sokolov; © Mary Slepkova / DG
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Philharmonie Berlin - Klavierabend mit Grigory Sokolov

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Jedes Jahr ist er einmal in Berlin zu Gast, und inzwischen ist auch der Große Saal der Philharmonie brechend voll. Virtuosität und Schönklang mag er nicht. Dafür punktet er mit einer phänomenalen Gestaltungskraft. Ein Erzähler, der nicht Klavier spielt, sondern Musik macht.

"Ausverkauft" ist kein Ausdruck für das, was ein Konzert von Grigory Sokolov in Berlin auslöst. Selbst auf dem Podium waren rekordverdächtig viele Bänke für zusätzliches Publikum aufgestellt. In der Pause wurden bereits für sein Konzert im nächsten Jahr Karten verkauft – und tatsächlich bildete sich an der Kasse eine lange Schlange. Das Berliner Publikum liebt ihn ganz besonders.

Er ist ein Phänomen. Kompromisslos ist er, hat seine festen Prinzipien: keine Interviews, keine Studioaufnahmen, nur noch Solokonzerte. Er soll Flügel ablehnen, wenn sie älter als fünf Jahre alt sind. Sein Repertoire kommt ganz ohne Virtuosenliteratur aus – auch diesmal: drei Haydn-Sonaten und vier Schubert-Impromptus. Vor allem aber ist die Atmosphäre im Saal eine besondere: Sokolov spielt im Schummerlicht. Ein deutliches Zeichen: Das ist keine Show, die Konzentration gilt allein der Musik.

Kein Schönspieler

Deutlichkeit und Intensität sind Grigory Sokolov hörbar wichtig. Jeder Ton soll seinen Raum erhalten, und dafür nimmt er sich Zeit mit oft sehr langsamen Tempi. Er ist kein Schönspieler. Man muss sich zunächst erst einmal daran gewöhnen, dass es auch mal etwas hölzern klingen kann, dass kurze Töne gerne abgehackt werden. Klangfarbenwechsel nimmt er mit dem linken Pedal vor, da wird es automatisch etwas leiser und weicher.

Zunächst meint man, das alles schon etwas feiner und weniger schroff gehört zu haben. Dann aber merkt man plötzlich, dass man nicht mehr weghören kann. Jeder Ton führt zum nächsten, und man befindet sich auf einer langen akustischen Reise. Man kann es so zusammenfassen: Grigory Sokolov ist ein großer Erzähler am Flügel.

Dreimal Haydn in Moll

Klaviersonaten von Joseph Haydn findet man kaum noch im Konzert. Das ist vom rein technischen Anspruch überschaubar. Viele andere Pianisten nehmen das, wenn überhaupt, als Einspielstücke, eine Art Vorspeise. Bei Grigory Sokolov wird es vom ersten Ton an zum Hauptgericht.

Gleich drei Sonaten sind es, alle in Moll, von Sokolov ohne Beifallspause hintereinander gespielt, fast eine Stunde lang. Da ist Haydns Kosmos zum Greifen nah: eingängige Themen, aber besonders das Unerwartete, wenn es anders weitergeht und man zunächst nicht weiß, wo es hinführt. Sokolov steigert das alles noch. Bei ihm weiß man noch viel weniger, was kommt: heftig aufbrausend oder doch sanft schattiert, fast spätromantisch? Sokolov hat Haydn auf eine faszinierende Weise verstanden, so viel ist klar.

Die vergessene Zeit

Für die zweite Serie der Impromptus von Franz Schubert braucht es einen langen Atem. Grigory Sokolov muss erst einmal hineinfinden, der Beginn stockt, es wirkt frei wie gerade improvisiert. Dann aber hält er die Musik eine Dreiviertelstunde lang am Leben, in Bewegung. Das ist ein Verzögern und Nachgeben, mal eine lange Steigerung, dann ein hervorblitzendes Detail, ein Spiel mit Licht und Schatten. Sokolov hält das in einer Balance, und das ist so spannend, dass man die Zeit vergisst.

Selbst die immer etwas heiklen Tonleitern im letzten Impromptu sind ein Wunder an Ausformung: mal massiv, dann wieder vorsichtig, entwickelnd, gleichbleibend – immer anders. Und das ist das Geheimnis der gestalterischen Kraft von Grigory Sokolov: Er spielt subjektiv, aber nicht willkürlich. Selbst wenn er "Alle meine Entchen" spielen würde, würde man ihm auch da gebannt zuhören.

Die Fortsetzung

Nach dem offiziellen Ende ist noch lange nicht Schluss. Grigory Sokolov ist für seine Zugabenfreude bekannt. Auch diesmal sechs weitere Stücke. Das scheint eine magische Zahl für ihn zu sein. Diesmal in großer Bandbreite: dreimal mehr Schubert, einmal Rameau und zwei Préludes von Chopin und Skrjabin. Und während es andere Pianisten in den Zugaben ein bisschen laufen lassen, spielt Sokolov das alles ebenso konzentriert und intensiv, als wenn es zum Hauptteil gehören würde.

Am Ende dauerte der Abend fast drei Stunden. Und es wirkt nach: Da hat jemand eben nicht Klavier gespielt, sondern Musik gemacht.

Andreas Göbel, kulturradio

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