"Orlando Consort"; © Eric Richmond
Eric Richmond
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Pierre Boulez Saal - Orlando Consort

Bewertung:

Eines der herausragenden Ensembles für Vokalmusik des 11. bis 16. Jahrhunderts ist das Orlando Consort. Einen Abend in Wort und Ton präsentieren die vier Musiker mit ihrem Programm "The Ambassadors". Zur Musik der Renaissance werden Texte von Diplomaten aus dieser Zeit gelesen.

Die Jahre von 1450 bis 1530 waren eine Zeitenwende: Buchdruck, Reformation, Perspektive in der Malerei … Von letzterer sind viele Namen bekannt, von der Musik eigentlich keiner. Dufay, Busnois, Ockeghem? Phantastische Musik von phantastischen Komponisten, die fast unbekannt ist. Da war es eine großartige Reise, auf die uns die vier Herren des Orlando Consorts mitnahmen. Vom Feldlager in Neuss bis zum Hof Heinrich VIII. Eine gute, wichtige Idee war dabei, dass Texte den Geschmack und die Atmosphäre der Zeit vermittelten, hervorragend gelesen (auf Englisch …) von den Mitgliedern des Consorts.

Ungeheure Vielfalt

Bei der Musik fiel die ungeheure Vielfalt auf. Daufay steckt in der frühen Motette Balsamus et munda noch fast im Mittelalter, Josquin entdeckt das Individuum mit privaten Gefühlen, die Engländer komponieren sehr viel süßer als die Kontinentalen, die Spanier klingen schon so düster wie das Gemüt der verrückten Königin Juana. Die Linien sind viel horizontaler als später, noch zackig und geklöppelt wie die Kirchen des spätgotischen Flamboyant-Stils.

Die hoch-individuellen Linien werden von vier sehr individuellen Stimmen dargeboten, dazu sind alle Generationen vertreten. Nicht jede dieser Stimmen traf meinen Geschmack, auch war es nicht immer ganz intonationssicher. Aber die Innen- und Außenkommunikation funktionierte prächtig, die Linien flexibel, die irre weiten Phrasen immer perfekt skulptiert. Der Boulez Saal war einmal mehr perfekt für Stimmen und erweiterte den Horizont der Hörer.

Clemens Goldberg, kulturradio

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