Anne-Sophie Mutter; © Bastian Achard
Bastian Achard
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Philharmonie Berlin - Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit Anne-Sophie Mutter

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Ein überraschendes Konzert. Krysztof Penderecki muss die Leitung gesundheitsbedingt abgeben. Anne-Sophie Mutter fasziniert mit längst verloren geglaubten Qualitäten. Und der Einspringer Andrey Boreyko animiert das Orchester zu einer Spitzenleistung.

Anne-Sophie Mutter, wie man sie selten erlebt. Sie wirkte glücklich und auch ein bisschen stolz, dass eine solche Komponisten-Koryphäe wie Krzysztof Penderecki für sie ein Violinkonzert schreibt. Selbst wenn das jetzt über zwei Jahrzehnte her ist und sie das Konzert inzwischen Dutzende Male gespielt hat. Beim Verbeugen danach hat sie dem Komponisten immer wieder den Beifall zugewiesen.

Im kulturradio hat Anne-Sophie Mutter von ihrer Absicht gesprochen, für dieses Werk eine Aufführungstradition zu begründen. Das ist sicher ihr ehrlicher Wunsch, nur muss man das erst einmal abwarten. Ob es eine solche Tradition geben wird, weiß man erst, wenn die beiden Protagonisten nicht mehr in der Lage sein werden, dieses Konzert zu promoten. Denn natürlich hat Anne-Sophie Mutter den Einfluss, ein Engagement an die Aufführung dieses Konzertes zu knüpfen. Dass viele im Publikum nur ihretwegen gekommen waren, zeigte sich nach der Pause, als dann etliche Plätze leer blieben.

So einfühlsam wie seit Jahren nicht mehr

Anne-Sophie Mutter muss dieses Konzert wirklich lieben. Wie anders wäre es zu erklären, dass ihr Geigenton kaum wiederzuerkennen war. Während sie in den zurückliegenden Jahren zunehmend unerfreulich mit einem gequetschten, gequietschten und gepressten Ton aufgefallen war, war es hier ganz anders.

Man staunte über sangliche Melodien, zarte und sanfte Töne, mit denen sie sich ins Orchester einbrachte, durchaus auch mal kraftvoll, aber nie überzogen. Man hat den Respekt gespürt, den sie vor diesem Stück hat. Und das hat ihr gut getan – fast kann man von Demut sprechen. Ein bisschen fahl war es immer noch, aber das passte zu dieser Musik ganz gut. So sensibel und einfühlsam hat man sie seit Jahren nicht gehört. Da wünschte man, sie würde so auch Beethoven oder Brahms spielen.

Das Stück: entbehrlich

Nun spielt Anne-Sophie Mutter gerne zeitgenössische Werke, nicht nur von ihrem Ex-Mann André Previn oder von Wolfgang Rihm. Aber das ist alles eine sehr gemäßigte Moderne. Experimentelle Spieltechniken verwendet das fast nie, alles ist technisch und ästhetisch auf dem Stand der Klassiker des 20. Jahrhunderts.

Genau so funktioniert auch dieses zweite Violinkonzert "Metamorphosen" von Krzysztof Penderecki. Da singen die Melodien, es gibt neoklassizistische Floskeln und Formeln, alles handwerklich solide zusammengesetzt, da kommunizieren Solistin und Orchester, und kurz vor Ende kann sie in ein paar solistischen Minuten zeigen, was sie technisch drauf hat.

Das Konzert ist extrem konventionell erdacht. Es klingt, als hätten Bartók, Prokofjew und Schostakowitsch gemeinsam ein neues Stück geschrieben. Penderecki war vor über einem halben Jahrhundert mal als Avantgardist gestartet. Jetzt klingt seine Musik längst entsetzlich epigonal. Es ist gutes Spielfutter für die Solistin, lässt aber kalt. Und mit viel zu langen vierzig Minuten Spieldauer ist das Stück wirklich: entbehrlich.

Die Einspringer

Ursprünglich sollte Krzysztof Penderecki das Konzert vom Dirigentenpult aus leiten. Aus gesundheitlichen Gründen, wie es hieß, musste er die Leitung abgeben. Offensichtlich hatte er sich tatsächlich nicht wohl gefühlt. Und bei einem Musiker, der in diesem Jahr 85 Jahre alt wird, will man selbstredend nichts riskieren. Immerhin war er in der Philharmonie und hat sich nach der Aufführung seines Violinkonzerts feiern lassen. Sein Assistent Maciej Tworek hat das Stück solide dirigiert. Er arbeitet seit 2003 mit Penderecki zusammen. Er kennt dessen Musik gut, und das hat man auch gespürt.

Auch die Sinfonie Nr. 15 von Dmitrij Schostakowitsch konnte Penderecki nicht leiten. Statt seiner dirigierte Andrey Boreyko. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin kennt ihn gut, zuletzt war er im Februar dort. Boreyko ist ein Schostakowitsch-Kenner, und das war von der ersten Minute an klar erkennbar. Die Chemie zwischen Dirigent und Orchester hat spürbar gestimmt. Da war eine erhöhte Aufmerksamkeit wahrzunehmen, alle saßen auf der Stuhlkante, und am Ende schien nicht nur das Orchester zufrieden zu sein.

Spitzenaufführung

Die 15. Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch ist ein Abschiedswerk. Schostakowitsch war bereits todkrank, und er zieht hier Bilanz. Das ist die Essenz eines schlimmen Jahrhunderts. Da gibt es Spott und Tragik über Diktatur, Massenmord und Kriege. Alles das spielt hörbar eine Rolle, und Andrey Boreyko hat das mit einer hervorragenden Mischung aus Intensität, Furor, aber auch Übersicht eingefangen.

Schießbudenmusik mit banalen Zitaten, Kübel voller Hohn werden ausgekippt. Dann wieder Ausbrüche katastrophalen Ausmaßes. Und vor allem: die Vereinsamung. Das Solo-Cello allein im Großen Saal. Boreyko trifft die Atmosphäre. Es klingt ja alles so vertraut, aber erschreckend ausgedünnt. Und das rhythmische Knochengeklapper im Schlagzeug lässt das Blut in den Adern gefrieren. Alles das war vorhanden, das RSB in grandioser Form. Kurz: eine der besten Aufführungen dieses Werkes der letzten Jahre.

Andreas Göbel, kulturradio

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