Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin; © Molina Visuals
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Konzerthaus Berlin - Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit Andreas Staier

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Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielt alles von Filmmusik über Operette bis zu Neuer Musik. Und eben auch Alte Musik. In diesem Fall Mozart. Und muss sich unter Alte Musik-Spezialist Bernard Labadie nicht vor den Originalklangensembles verstecken.

Dass moderne Sinfonieorchester Spezialisten für Alte Musik einladen, ist längst nicht mehr ungewöhnlich. Man kommt an der historisch informierten Aufführungspraxis nicht vorbei. Und zeigt Flexibilität. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielt – natürlich – das klassisch-romantische sinfonische Repertoire, aber eben auch Filmmusik, begleitet Opern- und Operettenarien, spielt Neue Musik. Warum dann nicht auch Alte Musik.

Der Kanadier Bernard Labadie ist eine feste Größe in der Alte Musik-Szene, u. a. mit seinem Ensemble "Les Violons du Roy". Mozart versteht er ganz aus der Entstehungszeit. Die Orchesterstärke hat er dem Mozart-Orchester angepasst mit deutlich geringerer Streicherstärke. Das klangliche Ergebnis kann beeindruckend: präsent, direkt, zupackend.

In der Ouvertüre zur "Zauberflöte" hört man trotz des irren Tempos alles mit Leichtigkeit durch, in der zu "Don Giovanni" zeigt sich das Musiktheatergenie Mozart. Das ist knallhart, so dass man fast in Deckung geht. Das alles ohne falsche spätromantische Sentimentalität, sondern voller Leidenschaft, so dass man den Atem anhält.

Revolutionär der Musik

Wie viele Aufnahmen gibt es von Mozarts großer g-Moll-Sinfonie! Aber hier hört man hin. Schon der Beginn ist ein Ereignis. Während man sonst zunächst die Begleitung hört und dann darauf das erste Thema, spitzt man hier die Ohren: War da schon was? Das Stück scheint längst begonnen zu haben, bevor man den ersten Ton wirklich wahrnimmt. Man spürt die Melancholie, aber auch die Bedrohung, die Tragik dieser Musik.

Bernard Labadie zeichnet das Bild von Mozart als Revolutionär der Musik, als einen kompletten Avantgardisten, der seiner Zeit voraus war, seine Zeit oft hoffnungslos überfordert hat. Das Erstaunliche: Auch weit über zwei Jahrhunderte danach kann man plötzlich nachvollziehen, die modern Mozart zu seiner Zeit war. Da tun die Dissonanzen, die Mozart hineinkomponiert, fast schon körperlich weh.

Klangkultur vom Feinsten

Fast hatte man das Gefühl, das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin wäre ein Spezialensemble für Alte Musik. Da ist dieser aufgeraute, klare, durchsichtige Klang, vielleicht eine Spur süffiger und abgerundeter. Das Orchester präsentiert sich in beeindruckender Form, das ist Klangkultur vom Feinsten.

Bernard Labadie verlangt oft irrwitzig schnelle Tempi, aber trotzdem stimmt alles. Man nimmt es sportiv, der Einsatz stimmt, man spürt Ehrgeiz, Lust, Begeisterung. Und das überträgt sich: Die 35 Minuten dieser Sinfonie erscheinen trotz der konsequent umgesetzten Wiederholungen als zu kurz. Man kann sich einfach nicht satthören. Man kann diese Sinfonie anders spielen, aber sicher kaum besser.

Andreas Staier zu Gast im Foyer vom Haus des Rundfunks; Foto: gb
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Mozart am Klavier

Das G-Dur-Klavierkonzert von Mozart ist schwer zu gestalten. Oft hat man es sehr lyrisch, gedeckt und gerne auch langweilig gehört. Andreas Staier geht das alles vom ersten Ton ziemlich unberechenbar an. Er weiß genau: Mozart war nicht nur ein blendender Pianist, sondern auch ein grandioser Improvisator, sprühend vor Ideen. Und so klingt das hier auch: Er liefert sich mit dem Orchester ein Katz-und-Maus-Spiel, versteckt sich mal kurz und taucht überraschend wieder auf.

Staier hat so viele Ideen, wie er Varianten anbringen kann, wo bei Mozart nur einfach Wiederholungen stehen. Er weiß eben, dass Mozart genau das von seinen Interpreten verlangt. Und Staier kann Mozart auch in Sachen Humor Paroli bieten. Da greift er einfach auch mal in den allerhöchsten Diskant. Die Töne hatte Mozart noch nicht auf seinem Klavier? Egal, Mozart hätte das genauso gemacht. Das ist lebendig, unterhaltsam und witzig auf höchstem Niveau. Irgendwie war das so, als wenn Mozart selbst am Klavier gesessen hätte. Kurz: Dieser Abend war einfach nur ein Genuss.

Andreas Göbel, kulturradio

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