"Am Königsweg"; © Arno Declair
Arno Declair
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55. Theatertreffen - "Am Königsweg" | Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Bewertung:

Halbzeit beim Theatertreffen: Fünf der zehn "bemerkenswertesten" Inszenierungen der Saison wurden in der letzten Woche gezeigt – zuletzt Elfriede Jelineks "Am Königsweg" in der Hamburger Uraufführung von Falk Richter.

Im Text fällt kein einziges Mal der Name Donald Trump – und doch ist klar, dass mit dem "blinden König", seinem "blonden Haar und den allzeit bereiten Banken" nur der Präsident der USA gemeint sein kann. Der hält die Welt derzeit mit der Kündigung des Atom-Abkommens mit Iran in Atem. Jelinek hat Trumps Taten jedoch gar nicht erst abgewartet, sondern noch am Tag seines Wahlsiegs 2016 mit dem Schreiben begonnen.

Für die Autorin ist die Aussicht auf die Welt unter diesem neuen König so finster wie für die meisten von uns. Allerdings steht bei ihr nicht das Trump-Bashing im Zentrum. Jelinek verzweifelt viel mehr an der desorientierten, chaotischen Welt, die mehr und mehr das Hinsehen verlernt. Trump ist eher ein Symptom dieser Entwicklung. Jelinek mäandert zwischen Neoliberalismus-Kritik, Trump-Gossip und Befremden über den Rechtspopulismus – sehr assoziativ, lose, kalauernd, wie das ihre Art ist.

Die Herrschaft des verblendeten Ödipus wird ebenfalls angerissen. Entstanden ist weniger ein wütender denn ein resignierter Text, in den sich die Autorin selbst immer wieder als Stimme der Denker einschreibt und schließlich bei dem Befund endet, dass das Wort keinen Wert mehr hat, dass der Intellektuelle seine Aufgabe des Erklärens verloren hat.

Da dies nicht der stärkste Jelinek-Text ist, wird es für Falk Richter besonders schwierig, aus dem unsortierten Textflächengebilde aus Assoziationsketten, Gedanken, Kalauern etwas Stimmiges zu inszenieren. Große Kraft kriegen Jelineks Worte immer dann, wenn sie sich konkret an einem Thema abarbeitet, dann sind ihre Texte bissig, böse, giftig und gleichzeitig komisch. Hier jedoch ist das allgemeine große Unbehagen mit der Welt der Schauplatz und die irgendwie geartete Resignation zwischen Finanzkapitalismus und Werteverfall.

Falk Richter reagiert darauf, wie es schon viele Jelinek-Regisseure vor ihm getan haben: Er versucht gar nicht erst, alles zusammenzuhalten, sondern inszeniert mithilfe von Videosplittern, Mikrofonen, chorischem Sprechen und Musik eine Nummern-Revue, die so disparat Themen und Gedanken anreißt wie es auch die Vorlage tut. Die Inszenierung zerfällt deutlich in zwei Teile, wobei der zweite Teil der interessantere ist.

"Am Königsweg"; © Arno Declair
Linn Reusse, Anja Schneider; © Arno DeclairBild: Arno Declair

Medialer Overkill

In den ersten zwei Stunden knallt Richter ein Assoziations- und Bilder-Gewitter auf die Bühne, das die Überforderung verdeutlichen soll – es dupliziert jedoch lediglich den medialen Overkill, den wir alle kennen. Ein Bildersalat aus Mord, Merkel und Mittelmeer wird an die Wand projiziert. Dazu wütet Benny Claessens als infantiler König mit Pappkrone, Pelzmantel und Teddybär über die Bühne und beschimpft das Publikum – das allerdings stark und pointiert.

Kermit und Piggy aus der Muppet-Show schwingen Maschinenpistolen, die anderen Schauspieler sprechen und schreien oft im Chor und stechen sich mit viel Kunstblut wie Ödipus die Augen aus. Effekte einer Pop-und-Trash-Show, die man kennt und die ein rasch ermüdendes Grundrauschen erzeugen.

Matti Krause gibt am elektrischen Lagerfeuer im Trailer Park den wütenden, jungen weißen Mann als rassistische Flachwitze reißende Dumpfbacke. Die Comedienne Idil Baydar darf kleine Nummern im goldglitzernden Jogginganzug beisteuern und den Theater-Bildungsbürgern Nachhilfe in Integration geben.

Stephan Kimmigs Königsweg-Inszenierung am Deutschen Theater machte den nachvollziehbaren Versuch, Jelinek konkreter zu fassen – verkleinerte den Text dann aber auf Küchengröße und banalisierte ihn zur Kochshow, statt ihn greifbarer zu machen.

Falk Richter geht den umgekehrten Weg. Er setzt auf Überforderung, Trash, Effekt-Bombardement. Das ist vor allem wegen seiner eindrücklichen Schauspieler (hauptsächlich Benny Claessens und Ilse Ritter) kraftvoller und unterhaltsamer. Eine Theatertreffen-Einladung begründet es dennoch nicht.

Richter führt eine Herangehensweise an Jelinek vor, die schon häufig auf der Bühne zu sehen war. Sie ist weder inhaltlich erhellend noch ästhetisch "bemerkenswert".

Barbara Behrendt, kulturradio

55. Theatertreffen

Theatertreffen 2018; © Carsten Kampf
Carsten Kampf

Wozu spielen?

Vom 4. - 21. Mai findet in Berlin das 55. Theatertreffen statt. Auch in diesem Frühjahr kommen bekannte Bühnen-Schauspieler zum ausführlichen Gespräch ins kulturradio-Studio – an mehreren Tagen, zu vier verschiedenen Zeiten.

Am 17. Mai sendet kulturradio live aus dem "Haus der Berliner Festspiele". Gäste von Andrea Handels und Roland Schneider sind unter anderem der Schauspieler Paul Schröder ("Odyssee"), Joachim Lux (Intendant des Hamburger Thalia-Theaters), Jan Bosse (Regisseur von "Die Welt im Rücken" und die Regisseurin Anta Helena Recke.

Schauspielerin Anna Thalbach anlässlich der Eröffnung der 67. Berlinale; © imago/snapshot-photography/K.M.Krause
imago/K.M.Krause

Im Studio: Anna Thalbach

Anna Thalbach wird im Mai im Renaissance-Theater zu erleben sein – in der Wiederaufnahme des gefeierten englischen Krimis "Mord auf Schloss Haversham".
Andreas Döhler; © imago/Doris Spiekermann-Klaas
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Im Studio: Andreas Döhler

Der Schauspieler Andreas Döhler hat bereits in seiner ersten Spielzeit nach dem Wechsel vom Deutschen Theater ans Berliner Ensemble (in Castorfs "Les Misérables" und jüngst in Thalheimers "Endstation Sehnsucht") für Aufsehen gesorgt.

Die Schauspielerin Nina Hoss im haus des Rundfunks, Berlin; Foto: Carsten Kampf

Im Studio: Nina Hoss

Nina Hoss, Protagonistin an der Schaubühne und im Film international erfolgreich ("Yella", "Phoenix", "Homeland"), spielt die Hauptrolle in Thomas Ostermeiers Inszenierung "Rückkehr nach Reims", mit der die Schaubühne zum Theatertreffen eingeladen ist.

Fabian Hinrichs, Schauspieler; Foto: © Carsten Kampf

Im Studio: Fabian Hinrichs

Mit Fabian Hinrichs freuen wir uns auf den diesjährigen Juror des Alfred-Kerr-Darstellerpreises für Nachwuchsschauspieler beim Theatertreffen.