"Beute Frauen Krieg"; © Toni Suter / T+T Fotografie
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55. Theatertreffen - "BEUTE FRAUEN KRIEG" | Schauspielhaus Zürich

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In "BEUTE FRAUEN KRIEG" erzählt die Regisseurin Karin Henkel am Schauspielhaus Zürich vom Trojanischen Krieg – allerdings konsequent aus der Sicht der unter ihm leidenden Frauen.

Karin Henkel beim Theatertreffen – fast schon ein Heimspiel: Dieses Jahr ist sie zum siebten Mal eingeladen, so oft wie keine andere Regisseurin. Für ihre Arbeit wurde ihr am Wochenende der Berliner Theaterpreis verliehen; die 20.000 Euro Preisgeld hat sie dem Verein "Háwar. Help" gespendet, der sich für verfolgte Jesiden einsetzt. Aus gutem Grund: Eine Fernsehdokumentation von der Gründerin des Vereins hat Henkel derart schockiert, dass daraus ihre Inszenierung "Beute Frauen Krieg" entstanden ist – mit der ist sie nun beim Theatertreffen zu Gast.

Ein Antikriegsstück

Aktuelle Kriegsgräuel baut Henkel hier jedoch nicht explizit ein. Kein Wort vom heutigen Syrien oder dem "IS", doch das ist auch gar nicht nötig. Euripides’ Stücke, die der Inszenierung zugrunde liegen, erzählen so universell von Kriegsursachen und Kriegsverbrechen, dass der Transfer ins Heute auf der Hand liegt. Erstaunlich, wie viel uns die zweieinhalb Tausend Jahre alten Stücke "Die Troerinnen" und "Iphigenie in Aulis" (von John von Düffel und Soeren Voima neu bearbeitet) an diesem Abend wieder über uns erzählen. Und wie nah sie uns kommen können.

Euripides richtet in den "Troerinnen" den Blick auf die Frauen, die der Krieg zugrunde richtet – Henkel nennt ihn deshalb einen großen Feministen seiner Zeit. Es ist ein Antikriegsstück, in dem Euripides zeitkritisch das Schicksal der Frauen beschreibt, die nach dem Trojanischen Krieg an die neuen Herrscher verschachert werden. Frauen sind nichts als Trophäen, Kriegsbeute, Herrschaftssymbole.

Eine besondere Bühnensituation

Die Inszenierung wird nicht im Festspielhaus gezeigt, sondern in den Rathenau-Hallen in Oberschöneweide, ein ehemaliges Industriegelände mit großen Hallen. Ein Raum ist für diesen kammerspielartigen Abend abgetrennt und eingerichtet wie im Zürcher Schiffbau, wo die Inszenierung beheimatet ist. Eine besondere Bühnensituation: Der Raum ist durch einen Laufsteg geteilt, die Zuschauer sitzen rund um den Steg und tragen Kopfhörer.

Direkt ins Ohr wird ihnen gespielt, was die Frauen auf dem Steg wispern, flüstern, wiederholen. Zwei Trennwände fahren herunter, die den Raum und das Publikum in drei beinahe intime Separees zerlegen. Hier erzählen Kassandra, Andromache und Helena ihre Geschichte. Auch das funktioniert durch die Kopfhörer gut, die nur das einspielen, was im einzelnen Separee gesprochen wird, dazu dunkle Elektrobeats oder auch Babyschreie. Nach einer halben Stunde wandert man ins nächste Zimmer, hört der nächsten Troerin zu.

Kein voyeuristischer Leidensporno

Der Abend erinnert in dieser dramatischen Dreiteilung an ein Triptychon, ein Opfer-Zyklus, ein Passionsweg, den man durchwandert. Der Krieg ist überall, hat kein Anfang und kein Ende. Im zweiten Teil sind die Zuschauer geeint und schauen ohne Hörverstärkung Iphigenies Geschichte zu.

Ein durchaus düsterer Abend, der das Publikum drei Stunden lang dem Kriegsleid, Elend, Schmerz, der Grausamkeit ausgeliefert. Doch Henkel inszeniert zum Glück keinen voyeuristischen Leidensporno, an dem man sich mitleidig ergötzt. Es ist viel mehr eine konzentrierte, zwar athmosphärische, aber strenge Inszenierung, die in vielen Puzzleteilen den Wahnsinn dieses Krieges vorführt.

"Beute Frauen Krieg"; © Toni Suter / T+T Fotografie
Linn Reusse, Anja Schneider; © Arno DeclairBild: Toni Suter / T+T Fotografie

Eiskalte Wut

Wie die Frauen sich verhalten, ist nebensächlich – am Ende sind sie doch stets die gequälten Sündenböcke. Hekabe ist schuldig, weil sie ihren Sohn Paris überhaupt geboren, und dann nicht (wie von den Göttern befohlen) getötet hat. Helena, die Paris freiwillig nach Troja folgt, bevor er sie entführt, wird als Hure denunziert. Iphigenie ist schuld daran, dass die Kämpfer nicht gen Troja ausrücken können. Und Andromache ist schon deshalb verloren, weil sie keine Griechin ist. Sie hat ihren Mann im Krieg verloren und wird von Pyrrhos als Sklavin gehalten.

Wenn der zobiehafte Pyrrhos (Milian Zerzawy) der traumatisierten, gespenstergleichen Andromache (Carolin Conrad) ihr Baby aus dem Arm reißt und ihm blutig den Schädel einschlägt, ist das einer der wenigen brutalen Momente des Abends. Ansonsten inszeniert Henkel mit eiskalter Wut die Ohnmacht der Opfer. Ein starkes Bild, wenn die dunkle Seherin Kassandra in ein rosa Püppchenkleid gequetscht, verrenkt und geschändet und bewegungslos auf einem silbernen Präsentierteller liegt und auf ihren Vergewaltiger Agamemnon wartet.

Kleine und größere Aha-Momente

Die Männer kommen in dieser Inszenierung wahrlich nicht gut weg. Keiner ist so grausam wie Odysseus, niemand so schwach und opportunistisch wie Agamemnon, der sich am Ende selbst auf dem Präsentierteller dreht und mit Leidensmiene erklärt, warum er geradezu gezwungen ist, seine Tochter zu opfern. Wie dumm und machtgeil die Männer hier dargestellt werden, kann man durchaus bemängeln. Auch das Vorführen männlicher Täter und weiblicher Opfer gleicht einer Schwarz-weiß-Zeichnung. Doch so ist das nun einmal im Krieg: Frauen und Kinder sind die unschuldigen Leidtragenden.

Darüber hinaus ist es durchaus bemerkenswert, wie die Männer in der Schuld, die sie der Frau zuschreiben, ihr auch unermesslich viel Macht übertragen. Das Eifersuchtsdrama um Helena soll immerhin die Ursache des zehnjährigen Kriegs gewesen sein. Doch das mag die Geschichtsschreibung der Siegermächte sein, die an diesem Abend oft infrage gestellt wird. Immer wieder wird man dabei in den Anklage-Strudel gezogen, immer wieder entstehen kleine und größere Aha-Momente.

Barbara Behrendt, kulturradio

55. Theatertreffen

Theatertreffen 2018; © Carsten Kampf
Carsten Kampf

Wozu spielen?

Vom 4. - 21. Mai findet in Berlin das 55. Theatertreffen statt. Auch in diesem Frühjahr kommen bekannte Bühnen-Schauspieler zum ausführlichen Gespräch ins kulturradio-Studio – an mehreren Tagen, zu vier verschiedenen Zeiten.

Am 17. Mai sendet kulturradio live aus dem "Haus der Berliner Festspiele". Gäste von Andrea Handels und Roland Schneider sind unter anderem der Schauspieler Paul Schröder ("Odyssee"), Joachim Lux (Intendant des Hamburger Thalia-Theaters), Jan Bosse (Regisseur von "Die Welt im Rücken" und die Regisseurin Anta Helena Recke.

Im Studio: Anna Thalbach

Anna Thalbach wird im Mai im Renaissance-Theater zu erleben sein – in der Wiederaufnahme des gefeierten englischen Krimis "Mord auf Schloss Haversham".

Im Studio: Andreas Döhler

Der Schauspieler Andreas Döhler hat bereits in seiner ersten Spielzeit nach dem Wechsel vom Deutschen Theater ans Berliner Ensemble (in Castorfs "Les Misérables" und jüngst in Thalheimers "Endstation Sehnsucht") für Aufsehen gesorgt.

Die Schauspielerin Nina Hoss im haus des Rundfunks, Berlin; Foto: Carsten Kampf

Im Studio: Nina Hoss

Nina Hoss, Protagonistin an der Schaubühne und im Film international erfolgreich ("Yella", "Phoenix", "Homeland"), spielt die Hauptrolle in Thomas Ostermeiers Inszenierung "Rückkehr nach Reims", mit der die Schaubühne zum Theatertreffen eingeladen ist.

Fabian Hinrichs, Schauspieler; Foto: © Carsten Kampf

Im Studio: Fabian Hinrichs

Mit Fabian Hinrichs freuen wir uns auf den diesjährigen Juror des Alfred-Kerr-Darstellerpreises für Nachwuchsschauspieler beim Theatertreffen.