"Faust"; © Thomas Aurin
Thomas Aurin
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55. Theatertreffen - "Faust" | Volksbühne Berlin

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Das 55. Theatertreffen hat begonnen. Bis zum 21. Mai sind die "zehn bemerkenswertesten Inszenierungen" aus dem deutschsprachigen Raum in Berlin zu sehen. Den Auftakt machte gestern Frank Castorfs "Faust"-Inszenierung.

Es ist schon ein gewisser Triumph für Frank Castorf: Vor nicht mal einem Jahr musste er die Volksbühne verlassen, die er 25 Jahre geleitet hat. Jetzt ist sein Nachfolger Chris Dercon dort nach gerade mal sieben Monaten schon Geschichte und Castorfs "Faust", seine letzte große Volksbühnen-Produktion, eröffnet das 55. Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele.

Castorf-Revival-Feier

Diese siebenstündige (!) Eröffnungsinszenierung hatte durchaus den Flair einer Castorf-Revival-Feier: Thomas Oberender, der Intendant der Berliner Festspiele, nutzte seine Eröffnungsrede dafür, das teure Gastspiel im Festspielhaus zu verteidigen und auf eine Bürgerbeteiligung bei der Findung eines neuen Volksbühnen-Intendanten nach Dercon zu drängen. Nach den durchaus strapaziösen sieben Stunden gab das verbliebene Publikum zudem unisono Standing Ovations. Der große Applaus galt sicher nicht nur der Aufführung und ihren grandiosen Schauspielern, sondern auch Castorf und seiner Volksbühnen-Ära.

Die Länge des Abends (mit nur einer einzigen Pause zur Halbzeit) schien allerdings so manche Promis und Politiker, die man sonst beim Theatertreffen sieht, abgeschreckt zu haben. Für eine Theatertreffen-Eröffnung ist ein derart langer Abend ungeeignet, doch dem Team blieb keine Wahl: Sage und schreibe 15 Tage braucht es, um das Bühnenbild aufzubauen – unmöglich innerhalb des laufenden Festivals zu bewerkstelligen.

Starke Wirkung

Das gigantische, 20 Tonnen schwere Bühnenbild war ein knappes Jahr in Mecklenburg eingelagert gewesen und musste nun mühsam nach Berlin transportiert und ins Festspielhaus eingepasst werden. Das Ergebnis ist auch auf der neuen Bühne durchaus eindrücklich: Alexander Denic hat ein großes Gebilde mit zwei Stockwerken und vielen Spielräumen gebaut – auf einer Seite reißt ein Monsterkopf mit flackernden Augen sein riesiges Maul auf, als sei es der Höllenschlund. Wenn in der Bar oder im Bordell gespielt wird, sehen wir die Zimmer im Inneren auf eine Leinwand übertragen. Fantastisch auch das Untergeschoss: Hier steigen die Spieler in die lebensechte Metro herunter.

Handwerklich ist die Inszenierung eine Glanzleistung. Großartige Videobilder; Licht, Ton, Schauspiel sind bestens aufeinander abgestimmt. Auch die Musik betört: Valery Tscheplanowa singt den "König von Thule", Sir Henry begleitet Sophie Rois auf dem Akkordeon zu Schuberts "Leiermann", zwischendurch formiert sich eine Blues-Band, die leise "Blue Moon" anklingen lässt. Gerade diese zarteren Töne haben eine starke Wirkung.

Furiose Schauspielleistung

Martin Wuttke gibt den Faust zunächst als sabbernden Lustgreis, der unter einer faltigen Gummimaske steckt. Sobald er sie abnimmt, ist er ein recht viriler Herrscher, später auch halbseidener Strippenzieher. Er endet als Kleinkind, das auf seinem Dreirad blödsinnig Algerien-Fahnen wedelt. Eine Demontage des europäischen Faust-Mythos also. Positiv wird Faust heute ohnehin kaum noch gezeigt, Castorf macht das deutsche Intellektuellendrama nun zur Geschichte des Kolonisators. Deshalb hat er zusätzlich den Algerienkrieg bemüht, mit Texten von Frantz Fanon.

Valery Tscheplanowa spielt Gretchen nicht als unschuldiges Opfer, sondern als laszive Frau, die ihre Reize gezielt einsetzt. Castorf macht sie zur Prostituierten, in dem er Szenen aus Emile Zolas Roman "Nana" einfließen lässt, der im Pariser Rotlicht-Milieu spielt. Martin Wuttke in seiner Nöligkeit, die in wahnhaften Zorn explodiert, ist eine Wucht. Und auch Valery Tscheplanowa, Sophie Rois und Marc Hosemann sind furios, wenn sie denn Goethe spielen dürfen und nicht stundenlang Fanon oder Zola zitieren.

"Faust"; © Thomas Aurin
Linn Reusse, Anja Schneider; © Arno DeclairBild: Thomas Aurin

Assoziationsgewitter

Faust als Landnehmer zu interpretieren und Gretchen als aufreizende Frau, ist zwar durchaus nachvollziehbar und gewinnt dem Drama neue Aspekte ab. Doch die Verschränkung mit dem Algerienkrieg und Emile Zola ist völlig beliebig. Genau so gut hätte Castorf auf den Syrienkrieg oder Vietnam verweisen können. Eine historisch oder politisch stringente Auseinandersetzung ist hier nicht ablesbar – Castorf hat viel mehr, wie so oft, persönliche Lesefrüchte eingebaut, die alles andere als zwingend sind. Dieses Assoziationsgewitter bricht herein, ohne, dass es intellektuell überzeugen kann und sorgt für einen ewigen Leerlauf mit schwachen Fremdtexten. Drei Stunden hätte man großzügig kürzen dürfen und den Abend auf seine stärksten Szenen komprimieren: jene aus dem Faust-Mythos.

Macho-Allüren

Generell kann einen das Frauenbild, das Castorf seit Jahrzehnten ausstellt, mehr und mehr befremden. Fast alle Spielerinnen müssen mit nackten Brüsten im Nuttenfummel über die Bühne staksen, stundenlang. Die Inszenierung gibt inhaltliche Gründe vor: Faust ist schließlich der lüsterne Mann, Nana eine Kurtisane. Doch die Art, wie sich Castorf daran ergötzt, ohne Not reihenweise nackte, wippende Brüste vorzuführen, ist schlicht unangenehm. Castorf kennt nur zwei Kategorien von Frauen: die Heilige und die Hure.

Wie ein Theaterbetrieb, der bei jedem politisch nicht ganz korrekten Wort, das auf der Bühne fällt, aufschreit, ständig "Diversity!" und "Gendergerechtigkeit!" einfordert, nach wie vor diese Macho-Allüren durchwinkt, ist völlig schleierhaft.

Barbara Behrendt, kulturradio

55. Theatertreffen

Theatertreffen 2018; © Carsten Kampf
Carsten Kampf

Wozu spielen?

Vom 4. - 21. Mai findet in Berlin das 55. Theatertreffen statt. Auch in diesem Frühjahr kommen bekannte Bühnen-Schauspieler zum ausführlichen Gespräch ins kulturradio-Studio – an mehreren Tagen, zu vier verschiedenen Zeiten.

Am 17. Mai sendet kulturradio live aus dem "Haus der Berliner Festspiele". Gäste von Andrea Handels und Roland Schneider sind unter anderem der Schauspieler Paul Schröder ("Odyssee"), Joachim Lux (Intendant des Hamburger Thalia-Theaters), Jan Bosse (Regisseur von "Die Welt im Rücken" und die Regisseurin Anta Helena Recke.

Schauspielerin Anna Thalbach anlässlich der Eröffnung der 67. Berlinale; © imago/snapshot-photography/K.M.Krause
imago/K.M.Krause

Im Studio: Anna Thalbach

Anna Thalbach wird im Mai im Renaissance-Theater zu erleben sein – in der Wiederaufnahme des gefeierten englischen Krimis "Mord auf Schloss Haversham".
Andreas Döhler; © imago/Doris Spiekermann-Klaas
imago/Doris Spiekermann-Klaas

Im Studio: Andreas Döhler

Der Schauspieler Andreas Döhler hat bereits in seiner ersten Spielzeit nach dem Wechsel vom Deutschen Theater ans Berliner Ensemble (in Castorfs "Les Misérables" und jüngst in Thalheimers "Endstation Sehnsucht") für Aufsehen gesorgt.

Die Schauspielerin Nina Hoss im haus des Rundfunks, Berlin; Foto: Carsten Kampf

Im Studio: Nina Hoss

Nina Hoss, Protagonistin an der Schaubühne und im Film international erfolgreich ("Yella", "Phoenix", "Homeland"), spielt die Hauptrolle in Thomas Ostermeiers Inszenierung "Rückkehr nach Reims", mit der die Schaubühne zum Theatertreffen eingeladen ist.

Fabian Hinrichs, Schauspieler; Foto: © Carsten Kampf

Im Studio: Fabian Hinrichs

Mit Fabian Hinrichs freuen wir uns auf den diesjährigen Juror des Alfred-Kerr-Darstellerpreises für Nachwuchsschauspieler beim Theatertreffen.