"Trommeln in der Nacht"; © Julian Baumann
Julian Baumann
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55. Theatertreffen - "Trommeln in der Nacht" | Münchner Kammerspiele

Bewertung:

In seinem Stück "Trommeln in der Nacht" erzählt Brecht die Geschichte des Kriegsheimkehrers Andreas Kragler, der sich zwischen Revolution und Liebe entscheiden muss. Christopher Rüping inszenierte das Stück am Uraufführungsort und ist nun damit zu Gast beim Theatertreffen in Berlin.

"Trommeln in der Nacht" kam als erstes Brecht-Stück auf die Bühne. 1922 hat es Otto Falckenberg an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt, im Zuschauerraum hingen Plakate mit Brechts Satz "Glotzt nicht so romantisch!". Knapp hundert Jahre später hat der junge Erfolgsregisseur Christopher Rüping das Stück am selben Haus inszeniert. Mit dieser Arbeit ist er nach 2015 nun zum zweiten Mal beim Theatertreffen zu Gast.

Das Besondere daran ist die Rückbeziehung Rüpings auf jene Uraufführung. Zunächst hängen nur die "Glotzt nicht so romantisch!"-Plakate im Zuschauerraum. Nils Kahnwald spricht einen Text von Lion Feuchtwanger ins Mikrofon, der von der Uraufführung schwärmt, und im Anschluss (da das Gastspiel am Deutschen Theater gezeigt wird) spricht er auch von der Inszenierung ein paar Monate später hier, am Deutschen Theater. Die wurde von den Zuschauern 1922 gar nicht gut aufgenommen.

Ein konzeptlastiger Abend

Nun beginnt die Rekonstruktion: Stellwände und Hausfassaden fahren auf, über ihnen hängt der rote Pappmond – so, wie es bei der Münchner Uraufführung gewesen sein muss. Die Schauspieler versuchen, so zu spielen, wie man das damals getan hat: mit großem Gestus und Pathos. Vor allem Wiebke Puls gelingt das ganz hervorragend, mit großer Ernsthaftigkeit. Ab dem zweiten Akt wird diese alte Welt brüchig und das Spiel flapsiger; eine Jukebox zieht auf die Bühne, der Damien Rebgetz Leben einhaucht, indem er live Hits von Michael Jackson, Bob Marley und den Animals singt. Zuletzt setzt Rüping ganz auf die gängigen postdramatischen Mittel: Neonröhren, Nebel, Mikrofonständer, chorisches Sprechen. Das Stück wird zur Textfläche, das Schauspiel zur Performance.

Rüping rekurriert auf die Historie, die Entwicklung des Theaters – als formale Setzung kann man das durchaus bemerkenswert finden. Doch es ist nicht nur ein konzeptstarker, sondern auch ein konzeptlastiger Abend, der ununterbrochen mit Verfremdungseffekten spielt, mit Brüchen und Zitaten eine Collage erzeugt, die zwar formalästhetisch im Geiste Brechts steht, deren inhaltliche Substanz aber zu leicht ins Hintertreffen gerät. Schon Rüpings Inszenierung "Das Fest", 2015 beim Theatertreffen zu sehen, konzentrierte sich zu sehr auf Oberflächenreize.

"Trommeln in der Nacht"; © Julian Baumann
Linn Reusse, Anja Schneider; © Arno DeclairBild: Julian Baumann

Gleich zwei Schlussakte

Bei Brecht kommt der Kriegsheimkehrer Andreas Kragler just in dem Moment nach Hause, als seine Geliebte Anna sich mit einem anderen verlobt. Anna ist schwanger, entscheidet sich letztlich aber für Kragler. Beide ziehen sich ins Private zurück, während draußen die Revolution tobt. Kragler soll hier eigentlich ein Anti-Held sein, der die falsche Entscheidung fürs private Glück, für die Liebe trifft, statt die Welt zu verändern. Allerdings bleibt die Revolution in Brechts Stück so diffus, die Beziehung zu Anna dagegen ist so konkret, dass man Kragler gut verstehen kann.

Brecht haderte deshalb später sehr mit diesem Stück. Aus diesem Grund hat Rüping noch einen Einfall drauf gesetzt und gleich zwei Schlussakte inszeniert: einen "von Brecht" in dem Kragler mit Anna nach Hause geht, und einen "nach Brecht", in dem er sich für die Revolution entscheidet.

Moralkeule

In der Theatertreffen-Premiere war der Schluss "von Brecht" zu sehen, in der zweiten Aufführung wird jener "nach Brecht" gezeigt. Die Festspiele haben beide Versionen bereits in der 3sat-Mediathek zugänglich gemacht (die komplette Inszenierung wird am 19.5. auf 3sat gezeigt). Lediglich die letzten zehn Minuten unterscheiden sich – in ihrer Aussage sind sie jedoch durchaus ähnlich. Denn Brechts Schluss war ja (wie erwähnt) bereits im Original kritisch gedacht. In Rüpings Inszenierung dreschen Kragler und Anna dem Publikum derart holzhammermäßig ein, sich in Zukunft einen Dreck um die Welt zu scheren, dass es ein kräftiger Schlag mit der Moralkeule ist. Rüpings neues Ende ist noch didaktischer: Da sticht Kragler seine untreue Frau nieder und zieht in die Revolution.

Wiebke Puls herausragend

Wiebke Puls ist das Glanzlicht und die Retterin der Inszenierung – für ihre Darstellung hat sie den mit 10.000 Euro dotierten 3sat-Preis verliehen bekommen. Sie ist die einzige Schauspielerin auf der Bühne, die das Diskurs-Konzept mit Leben füllen kann. Im ersten Akt spielt sie Annas Mutter mit Würde und hohem Ton, ohne sie lächerlich zu machen; mit jedem Inszenierungsbruch gleitet sie weiter, erst in die Parodie, dann in die postdramatische Performance – eine unglaubliche Bandbreite an Schauspielkunst. Die jüngeren Spieler können mit diesem großen Instrumentarium nicht mithalten, ihrem Spiel ist ein Unterschied von Akt Eins zu Akt Fünf kaum anzumerken – es ist ihnen kaum vorzuhalten.

Publikum zwiegespalten

Der Regie hingegen kann man durchaus vorhalten, sich zu sehr auf Effekte, auf Mittel, auf Brechungen zu konzentrieren. Der Ritt durch die Aufführungsmoden der vergangenen hundert Jahre könnte spannend sein – bleibt hier aber weitestgehend Zitat-Sammlung ohne Mehrwert. Was diese Figuren heute zu erzählen haben, bleibt eher diffus, oberflächlich und ungenau – mal abgesehen vom erhobenen moralischen Zeigefinger. Das Berliner Publikum blieb zwiegespalten: einige Bravo-Rufe, manche Buhs.

Barbara Behrendt, kulturradio

55. Theatertreffen

Theatertreffen 2018; © Carsten Kampf
Carsten Kampf

Wozu spielen?

Vom 4. - 21. Mai findet in Berlin das 55. Theatertreffen statt. Auch in diesem Frühjahr kommen bekannte Bühnen-Schauspieler zum ausführlichen Gespräch ins kulturradio-Studio – an mehreren Tagen, zu vier verschiedenen Zeiten.

Am 17. Mai sendet kulturradio live aus dem "Haus der Berliner Festspiele". Gäste von Andrea Handels und Roland Schneider sind unter anderem der Schauspieler Paul Schröder ("Odyssee"), Joachim Lux (Intendant des Hamburger Thalia-Theaters), Jan Bosse (Regisseur von "Die Welt im Rücken" und die Regisseurin Anta Helena Recke.