"Woyzeck"; © Sandra Then
Sandra Then
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55. Theatertreffen - "Woyzeck" | Theater Basel

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Der Soldat Woyzeck ist ein Getriebener, ein Verzweifelter auf der Suche nach Sinn und Bedeutung. Selten kam seine Aussichtslosigkeit so zum Ausdruck wie in der Inszenierung von Ulrich Rasche am Theater Basel. Dafür gab es nun eine Einladung beim Theatertreffen.

Der Regisseur Ulrich Rasche ist in diesem Jahr zum ersten Mal mit einer Inszenierung beim Theatertreffen zu sehen – dabei ist es schon seine zweite Einladung. Seine "Räuber" konnten letztes Jahr nicht gezeigt werden, weil das Bühnenbild zu massiv war: Die Laufbänder, auf denen die Räuber im Gleichschritt marschieren, waren nicht ins Festspielhaus montierbar. Diesmal hat es geklappt: Rasches "Woyzeck" vom Theater Basel konnte inklusive maschinellem Bühnenbild gezeigt werden.

Teilchen im Räderwerk

Diesmal besteht es aus einer gigantischen Drehscheibe aus Stahl, die über dem Boden verankert ist. Sie rotiert nicht nur unablässig, sondern kippt auch in die Luft und gerät in enorme Schieflage. Manchmal wendet sie sich uns zu, sodass wir die ganze Fläche sehen, dann schauen wir wieder auf ihre Rückseite. Auf dieser Scheibe mühen sich die Schauspieler ab. Sie sind mit Seilen gesichert, um auf der mal flachen, mal steil aufragenden Fläche gehen zu können. Sie sind ununterbrochen in Bewegung, weil auch das Stahlmonstrum niemals still steht. Gehen sie ab, verschwinden sie im schwarzen Nichts.

Das Rad ist natürlich große Metapher für den Kampf ums Gleichgewicht, ums Überleben. Die Maschine macht alle Figuren zu Teilchen im unbarmherzigen Räderwerk. Gleichzeitig ist es Schicksalsrad, auch Folterinstrument – ein Rad, auf das alle geflochten werden und auf dem es nirgends bequemen Stand gibt. Zudem ein Symbol für die ewige Wiederholung; der Ausbruch ist nicht möglich.

Rädchen im Getriebe

Büchners Text ist ein Szenenfragment um den armen Soldaten Woyzeck, der von den Menschen um ihn herum zugrunde gerichtet wird und schließlich mordet. Der Hauptmann weist ihn zurecht, sein Arzt experimentiert an ihm mit einer Erbsenkur, dafür bekommt er ein paar Groschen, die er zu seiner Geliebten Marie und ihrer beider Sohn trägt. Marie betrügt ihn mit dem feschen Tambourmajor. Als Woyzeck das herauskriegt, ersticht er Marie – das Liebste, was er hat.  

Auch bei Büchner ist Woyzeck also ein Rädchen im Getriebe – den Verhältnissen, die sein Tun determinieren, ausgeliefert. Das Mahlwerk mahlt und zerreibt ihn. Trotzdem ist Rasches Aussage eine andere: Dadurch, dass alle Figuren bei ihm die gleiche schwarze Kleidung tragen und ohne Unterschied auf dem Rad gebunden sind, nivelliert er die gesellschaftlichen Abstände. Nicht die soziale Ungerechtigkeit steht im Zentrum, er hat den Text stattdessen in den Existenzialismus getrieben. Hier sind alle Menschen einsam, verloren, ausgeliefert.

Eine sehr männliche Welt

Die Schauspieler können nur in dieser Lebensmühle agieren; doch es ist nicht nur die Bühne, die sie zwingt, sondern auch die Musik. Die fünf Musiker, die neben der kreisenden Scheibe sitzen, bestimmen die komplette Inszenierung. Sie spielen auf Klavier, Geige, Fagott, Schlagwerk und Bass-Gitarre eine motivisch geleitete, repetitive Minimal-Music, die laut dröhnt und wummert, unglaublich anstrengend ist, aber auch einen Sog erzeugt. In ihrem Rhythmus setzen die Spieler ihre Schritte, aber auch ihre Worte. Die Sätze werden zu einem künstlichen Sprechen heftig zerdehnt – das eigentlich kurze Stück dauert hier über drei Stunden. Die Spieler formen häufig einen Sprechchor, der hart, fast militärisch klingt und an die berühmten Chöre von Einar Schleef erinnert.

Ohnehin führt Rasche eine sehr männliche Welt vor. Florian von Manteuffel gibt einen äußerst virilen Tambourmajor, auch Franziska Hackl als Marie ist in ihrer Begierde so schroff wie die Männer. Für zarte Gefühle, Erotik, Zwischentöne ist kein Platz. Nicola Mastroberardinos Woyzeck ist ein Getriebener, wahnsinnig, irrlichternd, eindrücklich mit seinen weit aufgerissenen schwarzen Augen.

"Woyzeck"; © Sandra Then
Bild: Sandra Then

Überwältigungstheater

Die Inszenierung polarisiert: Nach der Pause haben sich die Reihen ob des monotonen, zähen, ermüdenden Kreisens merklich gelichtet – trotzdem ist der Applaus am Ende groß. Rasche inszeniert großes, lautes Überwältigungstheater. Wenn Woyzeck gegen Ende in der Mitte der fast senkrechten Scheibe zappelt wie eine Fliege im Netz, um ihn herum an den Außenseiten die anderen Spieler, die ihn mit nacktem Oberkörper umkreisen und ihn im Chor nach seinen blutigen Händen befragen, ist das stark, beängstigend, aber auch sehr martialisch. Das kann in seiner Ästhetik auch abstoßen.    

Über die Dauer von drei Stunden gibt es zudem einige Durststrecken. Die bei Büchner so verschiedenen Woyzeck-Szenen, die mal expressionistisch gefärbt sind, mal grotesk, mal realistisch, mal psychologisch, werden hier ganz und gar ins existentialistische Spiel eingeebnet. Alle Szenen sehen ähnlich aus, alles wird ähnlich gespielt. Nichtsdestotrotz gehörte Rasches auffällige Ästhetik unbedingt beim Theatertreffen vorgestellt – und kann durchaus beeindrucken.

Barbara Behrendt, kulturradio

55. Theatertreffen