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Deutsches Theater - Autorentheatertage Berlin - Ferdinand Schmalz: "jedermann (stirbt)"

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In dieser Neudeutung des "Jedermanns" bleibt das Theater ganz moralische Anstalt und diese bildstarke, musikalische Inszenierung ist in all ihrer Symbolhaftigkeit im positiven Sinne aus der Zeit gefallen.

Wer den "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen geben darf, der gehört zu den großen österreichischen Schauspielstars. Seit fast hundert Jahren wird das Mysterienspiel im Sommer auf den Treppen vor dem Salzburger Dom aufgeführt – Klaus Maria Brandauer, Gert Voss und Peter Simonischek haben ihn (unter anderen) gespielt. Der Österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz hatte jetzt die Aufgabe, die Geschichte vom reichen Jedermann, der in seiner Todesstunde erkennen muss, dass ihm all das viele Geld nichts nutzt, fürs Wiener Burgtheater ins Heute zu übertragen. Die Neufassung mit dem Titel "jedermann (stirbt)" eröffnete nun die Berliner Autorentheatertage.

Eine Existenzparabel - übertragen in unsere Zeit

Der Schmalzsche Jedermann ist kein Verschwender, kein Lebemann, sondern ein abgebrühter Kapitalist. Er spekuliert mit seinem Geld, gibt halsabschneiderische Kredite. Hugo von Hofmannsthal zitierte die mittelalterlichen Mysterienspiele: Der reiche, aber ungläubige Mann steht plötzlich vor dem Tod und hat niemanden, der ihm beisteht; seine Geliebte flieht vor ihm, auch der Mammon, die Liebe; Gott und Teufel kämpfen um seine Seele – doch seine Reue und die Gnade Gottes retten ihn.

Eine schwierige Aufgabe, diese mit christlichen Symbolen aufgeladene Existenzparabel in unsere Zeit zu übertragen. Schmalz versucht es, indem er die religiöse Dimension abschwächt: Gott ist bei ihm ein abgerissener Penner, alles andere als allmächtig. Der Teufel wird von der ganzen Gesellschaft verkörpert – Gott und Teufel stecken somit in uns selbst.

Schmalz, der vergangenes Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat, schreibt in einer ungewöhnlichen, sehr musikalischen, lyrischen Kunstsprache, die an das manierierte Umstandsdeutsch von Werner Schwab und an die Jelinekschen Wortassoziationsketten erinnern. Diese gänzlich unsentimentale Sprache nimmt dem Stück glücklicherweise etwas von seinem pastoralen Ton. Schmalz' Fassung bleibt trotzdem eine sanfte, wenig radikale Umschreibung des Originals, die noch immer mit Allegorien und großer Moral agiert.

Das Deutsche Theater - als Aufführungsort schwierig

Die Übertragung auf die Bühne des Deutschen Theaters ist nicht leicht. Wenn in Salzburg das große Jedermann-Freilichtspektakel vor der riesigen Domtreppe beginnt, hallen die Rufe nach "Jedermann" über den Platz – das Sommerspiel ist hier Touristenattraktion wie Folklore gleichermaßen. Im Berliner Dom, in dem das Stück 30 Jahre lang jeden Herbst inszeniert wurde, war es eher sakral aufgeladen. Auch in der Wiener Burg, dieser monumentalen Theaterkathedrale, hat die Inszenierung des Schmalz-Stückes sicherlich etwas Erhabenes. Auf der übersichtlichen Bühne am Deutschen Theater schrumpft es jedoch zum Kammerspiel, den Allegorien und Symbolismen haftet hier etwas Hölzernes an, so, als sitze man zu dicht dran.

Die Inszenierung - symbolgeladen

Zunächst jedoch versetzt einen das wie immer hoch metaphorische Bühnenbild von Olaf Altmann in Staunen. In einer münzgoldenen Wand ist auf zwei Metern Höhe ein Loch, ein Zylinder ausgestanzt. Diese Röhre kann man sich als Geburtskanal vorstellen, wenn sich alle acht Spieler in fleischfarbenen Ganzkörperanzügen dort zu Beginn aneinanderpressen. Später, wenn die Spieler im Dunkeln darin verschwinden, mag man die Bühne als Tunnel in den Tod, ins Jenseits begreifen.

Überhaupt ist alles in dieser Inszenierung von Stefan Bachmann hoch symbolgeladen. Jedermann ist ganz in glitzerndes Gold gekleidet und wirft mit Geldscheinen um sich. Auf seiner großen Party treten die Spieler gülden gekleidet und mit blondem Schopf auf, als sei's das Märchen von der Goldmarie. Später, wenn Barbara Petritsch als Sensenfrau auftritt, sind alle in totenschwarze Pechmarien verwandelt. Der Zylinder dreht sich dazu wie das berühmte Hamsterrad des Lebens, das Jedermann bald nicht mehr beherrschen kann. Dazu spielt ein Pianist am Bühnenrand live Melodien, die an Kurt Weill erinnern und aus der Schmalzschen Sprachmelodie eine kleine Sprechoper machen, sobald die Spieler zur Musik chorisch einsetzen.

Die Schauspieler - unter ihren Möglichkeiten

Der Wiener "Jedermann" ist mit den Burg-Schauspielern prominent besetzt: Mavie Hörbiger spielt den Mammon, Katharina Lorenz Jedermanns Frau und Markus Hering die Titelrolle. Allerdings bleiben sie alle unter ihren Möglichkeiten, wirken eher blass und kommen einem in ihren allegorischen Rollen nicht wirklich nah. Vor allem Markus Hering hätte als eiskalter Banker schärfer, brutaler sein dürfen, weniger brav.

In der zweiten Hälfte, wenn's ans Sterben geht, nimmt die Inszenierung dann aber deutlich an Fahrt auf. Auch der Stücktext wird hier böser, ironischer, frischer. Wie Hering zum gebrochenen, depressiven Todgeweihten mutiert und Barbara Petritsch als schwarze Gevatterin eine Predigt über das Sterben hält, das von unserer Geburtsstunde an in uns steckt, kann einen das Erschrecken über die eigene Endlichkeit doch auch anfassen.

In der Neudeutung von Ferdinand Schmalz und Stefan Bachmann bleibt das Theater ganz moralische Anstalt. Den dazugehörigen erhobenen Zeigefinger mag man befremdlich und altmodisch finden – nichtsdestotrotz ist diese bildstarke, musikalische Inszenierung in all ihrer Symbolhaftigkeit im positiven Sinne aus der Zeit gefallen. Als werde hier ein uraltes Märchen, ein Gleichnis aus der Bibel erzählt. Auf den deutschen Bühnen kann man dem Schmalzschen Text allerdings keinen allzu großen Erfolg prophezeien – dafür ist der "Jedermann" dann doch zu sehr an die österreichische Dramen-Tradition gebunden.

Barbara Behrendt, kulturradio

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