"HOT: Effi Briest"; © HL Böhme
Bild: HL Böhme

Hans Otto Theater Sommer Opern Air 2018 - Theodor Fontane: "Effi Briest"

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Tobias Wellemeyers allerletzte Premiere am Hans Otto Theater. Mit Blick auf das Jubiläum "fontane.200" zeigt er im Potsdamer Sommer-Open-Air Fontanes Klassiker "Effi Briest". Christian von Treskow hat die berühmte Ehebruchgeschichte inszeniert.

Düstere Gespenstergeschichte

Es war die allerletzte Premiere am Potsdamer Hans Otto Theater unter Tobias Wellemeyers Intendanz. Seit 2012 hat das Theater die Saison stets mit einer Open-Air-Inszenierung im Gasometer beendet – diesmal ist der Abschied endgültig, im September startet Bettina Jahnke als Intendantin hier mit neuem Team.

Die laue, helle Sommerjuninacht war ein schönes Abschiedsgeschenk an das Wellemeyer-Team – noch nie soll das Wetter bei einer Potsdamer Sommer-Open-Air-Premiere so herrlich gewesen sein wie an diesem Abend. Das Licht schwand nur ganz allmählich, die Mauersegler kreisten und kreischten. Und die Wolldecken, die am Eingang gereicht wurden, blieben bis zum Ende, als es immerhin schon auf Mitternacht zuging, ungenutzt.

Das passt bestens zum Brandenburger Idyll, in dem Fontanes Effie Briest aufwächst, mag man da denken. Ohnehin geradezu ein "Muss", kurz vor dem Start des Fontane-Jahrs 2019 diesen großen Brandenburger Dichter zu würdigen. Doch Christian von Treskow unterläuft die Erwartungen von Amüsement und Unterhaltung, die bei so einem sommerlichen Open-Air spürbar sind, vollkommen. Zwar ist "Effie Briest" schon bei Fontane ein Drama vom Fall und Sterben einer jungen Frau – Treskow legt es jedoch von vorneherein als düstere Gespenstergeschichte an, weit und breit keine heile Welt.

Effies Emanzipationsgeschichte ist zeitlos

Das Anfangsbild gibt klar die Richtung vor: Alle Spieler treten mit kreidebleich geschminkten Gesichtern und blutunterlaufenen Augen auf den Halbkreis der Bühne und wispern wie Geister neben den zerschlissenen Vorhängen die Schuldfragen, die sie plagen, in Richtung Effie. Die steht, gespielt von Denia Nironen, verloren an der Rampe, mit rosigen Wangen und leuchtenden Augen – der einzige Mensch im heruntergekommenen Spukschloss.

Das passt zwar nicht zur sommerlichen Vergnügungslust, dafür aber doch zu diesem Potsdamer Open-Air-Theater, das ja gerade nicht romantisch am See gelegen ist, sondern vor dem Industriedesign des Gasometers. Der Bühnenbildner Jürgen Lier hat diesen maroden Charme genutzt und schlicht eine weitere Metallwand aufgestellt, von der die löchrigen Vorhänge herunterhängen. Auch im Boden tun sich Löcher auf, wenn es ums Unterbewusste, ums Sündige geht. Einziger Hoffnungschimmer auf der Bühne ist ein winziger Birnbaum, ganz und gar nicht wie der von Herrn Ribbeck im Havelland – er trägt nur zwei, drei verlorene Birnen.

Wie viel diese Effie, die von ihren Eltern mit 17 an einen doppelt so alten Mann verheiratet wird und letztlich an den strikten Tugendvorstellungen der Gesellschaft zerbricht, mit unserer Anything-Goes-Welt noch zu tun hat, werden sich die Zuschauer zwischendurch gefragt haben. Wenn Effies Ehemann sich mit dem ehemaligen Geliebten seiner Frau duelliert, obwohl die Affäre schon Jahre zurückliegt, nur, weil man eben einem Ehrenkodex zu dienen habe, wirkt das heute ja geradezu pathologisch. Doch hinter diesen oberflächlichen Gestrigkeiten stecken nachvollziehbare Psychen: Effie, die so sehr nach Prestige verlangt, dass sie sich einredet, den erfolgreichen Landrat Instetten tatsächlich zu lieben.

Effies Mutter, die sich für die Tochter eine gute Partie wünscht. Instetten, dem durchaus bewusst ist, dass er nicht der charmanteste Ehemann ist und deshalb versucht, seine junge Frau mit Geschenken einerseits und Angstmache andererseits an sich zu binden. Und auch Effies Emanzipationsgeschichte ist zeitlos – ihre Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Status, äußerem Erfolg und innerem Glück.

Schwer und spröde

Lässt man sich auf die Ernsthaftigkeit der Inszenierung ein, wird diese Aktualität auf der Bühne verstehbar – auch wenn von Treskow zum Glück auf billige Zeitgeist-Verweise verzichtet und die Geschichte im 19. Jahrhundert belässt. Er erzählt den Roman ganz als Effies Albtraum. Denia Nironen gibt sie als übermütiges, völlig naives Mädchen, das sich lieber beim Fußball verausgabt, als mit den Herrschaften zu antichambrieren. Erst nach und nach bekommt sie von der Gesellschaft die Flügel gestutzt, wird kalkuliert und bitter.

Die Figuren um sie herum geraten im Konzept von der bösen Gesellschaft und der guten Effie etwas zu holzschnittartig. Meike Finck spielt Mutter Briest mit aller Härte gegen das eigene Kind, Peter Pagels Vater Briest ist zwar gutmütig aber durchsetzungsschwach. Und René Schwittay und Friedemann Eckert als Innstetten und Crampas wirken gleichermaßen charakterschwach.

"HOT: Effi Briest"; © HL Böhme

So plausibel und einleuchtend von Treskows Lesart ist – so schwer und spröde wirkt sie   mitunter für Sommertheaterverhältnisse. Nur am Ende bekommt der Abend einen hübsch heiteren Jenseits-Humor, wenn Effie nach ihrem Tod im Fenster des Gasometers sitzt, eine Birne isst und den abgenagten Kriebsch auf die Bühne pfeffert.  Womöglich hätte der durchkomponierte Abend im dunklen Theaterraum mit höherer Konzentration mehr Wirkung entfaltet als unterm hellen Sommerhimmel. Bettina Jahnke möchte 2019 auf neuer Seebühne am Wasser mit einer Shakespeare-Komödie eröffnen – das mag die bowle-tauglichere Sommertheaterversion werden.

Barbara Behrendt, kulturradio

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