Komische Oper Berlin: "Die Nase" © Iko Freese/ drama-berlin.de
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Komische Oper Berlin - "Die Nase"

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Das ist eine sichere Sache: Barrie Kosky inszeniert an seiner Komischen Oper in Übernahme Dmitrij Schostakowitschs Farce "Die Nase", und er sorgt mit einem spielfreudigen Ensemble und krachigem Humor für einen Erfolg.

In diesem Fall ist es eine Nachnutzung: Barrie Koskys Inszenierung von Dmitrij Schostakowitschs Opern-Erstling "Die Nase" kam zunächst in London an der Covent Garden-Oper heraus, dann in Australien, und jetzt halt an Koskys Stammhaus in Berlin. Das passt natürlich zum britischen Humor, diese Mischung aus Absurdität und Satire.

Da merkt jemand, dass er irgendwie keine Nase mehr im Gesicht hat, und sofort spürt er gesellschaftliche Probleme. Irre komisch, aber auch satirisch. Denn da stellt jemand die Frage, inwieweit wir von Äußerlichkeiten geprägt sind und wie sehr diese unsere Karriere und unseren gesellschaftlichen Status beeinflussen.

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Steppende Nasen

Barrie Kosky ist ein Meister des absurden Musiktheaters. Seit seinem Einstand an der Komischen Oper mit "Le Grand Macabre" kennt man ihn – nicht nur, aber auch – als Beherrscher von Klamauk, dem Surrealen, als Inspirator für alle, die sich zum Affen machen. Viele Szenen spielen auf einer kreisrunden Fläche mit Tischdecke, Kennzeichen einer wohlsituierten Gesellschaft, die aus den Fugen gerät, allein wenn im Brotteig plötzlich eine Nase auftaucht.

Kosky erzählt die Geschichte ganz aus der Perspektive der Hauptperson, die ihrer Nase hinterherläuft. Bis zum Schluss weiß man nicht, ob sich dieser merkwürdige Mensch das alles nur einbildet. Das könnte auch ein Alptraum sein, wenn ein Dutzend lebensgroße Nasen einen Stepptanz vollführen. Das ist irre blöd und saukomisch, aber auch irgendwie ziemlich gruselig.

Irrenhaus

Sicher ist das alles Klamauk, aber Barrie Kosky weiß, wie man das auf die Bühne bringt, so dass man knappe zwei pausenlose Stunden gerne bei der Sache bleibt. Ein bisschen aktuellen Anstrich gibt es auch, wenn die Hauptfigur ihre Nase per Annonce in der Tageszeitung suchen lassen will. Da ist dann schnell von Fake News die Rede.

Viel lieber inszeniert Barrie Kosky aber das Irrenhaus dieser Oper. Und wundert es noch, wenn am Ende die Hauptfigur, die endlich ihre Nase wieder am richtigen Ort hat, niesen muss, worauf diese (also die Nase) dann wieder durch die Luft fliegt?!

Samtanzug oder Unterhose

Das alles geht nur mit einer grandiosen Ensembleleistung. Fast hundert Rollen hält das Stück parat, und entsprechend selten ist es besetzbar. Fast dreißig Solisten teilen sich alles, ergänzt durch Tänzer, also ein komplettes Gewusel auf der Bühne. Der Choreograph Otto Pichler, der regelmäßig mit Kosky zusammenarbeitet, hat auch diesmal seine übliche Hampelchoreografie umgesetzt, die hier allerdings passt und für permanente Bewegung sorgt.

Am Schluss hat sich die Sache ein wenig totgelaufen. Allerdings weiß der Hauptdarsteller Günter Papendell in der Rolle des nasenlosen Kollegienassessors entweder in rotem Samtanzug oder auch nur in Unterhose seine Rolle grandios auszufüllen. In seiner Hilflosigkeit ist er bisweilen saukomisch, aber er weiß auch die Tragik seiner Partie zu vermitteln. Da heißt es "O mein Gott, warum hast du mich so geschlagen." Das ist natürlich Ironie, aber die Frage steht durchaus, ob wie Menschen zu oft nur nach Äußerlichkeiten beurteilen.

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Guter Einstand

Der designierte Generalmusikdirektor der Komischen Oper Berlin, Ainārs Rubiķis, hatte mit der Sache einen guten Einstand. Allerdings konnte er hier auch nicht viel falsch machen. Ein relativ kleines Orchester, allerdings mit neun (!) Schlagzeugern und einer Balalaika. Das alles hält er gut zusammen, sehr engagiert, fast ein bisschen zu sehr jedes Detail ausdirigerend. Er sorgt dafür, dass er die Flamme immer am Kochen hält, und das reicht eigentlich.

Denn die Musik spielt sich fast von selbst. Das ist einer Parodie auf Unterhaltungsmusik. Märsche, Volkslieder, Kitsch, alles schief und schräg. Eine unglaublich laute Dauerfarce, die Schostakowitsch in seiner frühen avantgardistischen Periode komponiert hat. Auf jeden Fall war das ein gutes Debüt des designierten GMD. Alles andere muss man abwarten.

Das Huhn niest

Das war eine erfolgreiche Premiere mit Ansage. Barrie Kosky ist ein Experte für Knallbuntes. Phantasie hat er und auch ein Ensemble mit Slapstick-Qualitäten. Man muss das natürlich mögen, diese Komplettfarce mit singender Säge, in der es heißt: "Das ist Schwachsinn, nicht mal ein altes Huhn niest davon." Dazu Piepsen, Quieken, Schnarchen, Rülpsen…

Aber an der Komischen Oper Berlin weiß man, wie man das aufführen muss, wie man Opernkomödie aufführen muss.

Andreas Göbel, kulturradio

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