Christoph Eschenbach; Foto: Gregor Baron
Gregor Baron
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Konzerthaus Berlin - Konzerthausorchester unter Christoph Eschenbach mit Cameron Carpenter

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Der eine kommt, der andere geht. Christoph Eschenbach wird 2019 neuer Chefdirigent am Konzerthaus Berlin. Cameron Carpenter gibt seinen Abschied als Artist in Residence dieser Saison. Ein erkenntnisreicher Abend.

Christoph Eschenbach ist noch lange nicht Chef am Konzerthaus. Gerade hat er vor wenigen Tagen seinen Vertrag unterschrieben. Sein Amt wird er erst in gut einem Jahr antreten. Und doch staunte man und glaubte, das Konzerthausorchester nicht wiederzuerkennen. Eschenbach hat sein künftiges Orchester schon so gedrillt, dass es nach einem Eschenbach-Klangkörper klang.

Die "Karneval"-Ouvertüre von Antonín Dvořák machte es deutlich: irrsinnige Brillanz, oft extrem laut, wahnsinnige Emotion, Pathos und Schmelz. Man hört, dass Christoph Eschenbach lange in den USA gearbeitet hat mit den Orchestern von Houston, Philadelphia und Washington. So dick und voller Klangsahne kennt man das sonst hierzulande nicht.

Konzerthaus Berlin: Saisoneröffnung, Cameron Carpenter © Oliver Lang
Bild: Oliver Lang

Kontrollfreak

Dabei ist Antonín Dvořák gar nicht mal der falsche Komponist für diese Herangehensweise. Er ist der Meister der schönen Melodien. Christoph Eschenbach übersteigert das sogar noch. In der achten Sinfonie setzte er das komplett um. Eschenbach ist ein kompletter Kontrollfreak, dirigiert alles aus und wendet sich mal dieser, mal jener Orchestergruppe zu.

Mit seinen Dirigierbewegungen formt er alles so sehr, dass man die Musik eigentlich gar nicht mehr hören müsste, wenn man weiß, was gespielt wird. Man beobachtet ihn und hört alles schon innerlich. Das ist auch nicht schwer: Eschenbachs Interpretation ist komplett unvergrübelt und mit einem direkten Weg ins Herz der Zuhörer.

Bohrmaschine und Tinnitus

Das ist schon faszinierend, wie jemand Emotionalität so naiv transportieren kann. Da schluchzen die Geigen und schmettern die Trompeten. Das Konzerthausorchester kann mühelos folgen. Andererseits spürt man, wie sehr das alles konstruiert ist. Es wirkt nicht frei, sondern künstlich und dadurch eher von Eiseskälte durchzogen.

Denn Christoph Eschenbach übertreibt oft in höchstem Maße. Das trieft von Pathos. Da klingen die Triller in den Hörnern im Finale der Achten von Dvořák eher nach Bohrmaschine, die Piccoloflöte nach Tinnitus. Nichts gegen intensive Gefühle, schon gar nicht in der Musik! Wenn es nur nicht so oberflächlich, fast banal wäre.

Übergangslösung

Wer die Berufung von Christoph Eschenbach als neuen Chefdirigenten am Konzerthaus Berlin eher kritisch gesehen hat, wurde durch das jüngste Konzert bestätigt. Sicher ist Eschenbach ein guter Orchestererzieher – und das braucht das Konzerthausorchester. Als ständiger Gastdirigent wäre er eine ideale Besetzung.

Aber ein Chefdirigent muss noch mehr bieten: Er muss Perspektiven öffnen, Ideen und Visionen haben, die das Orchester in die nächsten fünf, besser zehn Jahre führen. Christoph Eschenbach, der auf die Achtzig zugeht, ist da einfach die falsche Adresse, zumal mit einer musikalischen Ästhetik von vorgestern. Benötigte der Konzerthaus-Intendant Sebastian Nordmann einfach schnell einen großen Namen als Nachfolger von Iván Fischer? Eschenbachs Berufung wirkt eher wie eine Übergangslösung, als suche man am Konzerthaus jetzt schon den Nachfolger von Eschenbach.

Orgel extrem

Seinen Abschied nahm dagegen Cameron Carpenter als Artist in Residence am Konzerthaus Berlin in dieser Spielzeit. Der Aufbau seiner International Touring Organ war allein optisch ein Faszinosum. Diese Orgel ist ein rein elektronisches Instrument. Keine Pfeifen, dafür ein Dutzend Lautsprecher wie bei einem Rockkonzert, dazu auch noch blau anstrahlt, ein bisschen futuristisch. Der Spieltisch ist ein schwarzer Kasten mit fünf Manualen, Registern und Pedal.

Sergej Rachmaninows Rhapsodie über ein Thema von Paganini, im Original für Klavier und Orchester, hat Cameron Carpenter für Orgel und Orchester bearbeitet. Daraus wurde ein Showstück, die Orgel klingt mal nach Kinoorgel, mal nach Hammondorgel. Auf jeden Fall künstlich, wie es aus dem Instrument gluckst, glitzert und dröhnt. Carpenter ist ein atemberaubender Virtuose. Wenn er mit seinen Füßen über die Pedale fegt, fühlt man sich an Ballett erinnert. Die schwierigsten Stellen meistert er mit seiner atemberaubenden Körperbeherrschung. Er kann das alles, aber es wirkt mitunter nach Zirkus und Selbstdarstellung. Spaß hat es gemacht, aber ohne Nachwirkung. Ernst nehmen muss man das nicht.

Andreas Göbel, kulturradio

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