"Konzerthausorchester Berlin"; © Marco Borggreve
Marco Borggreve
Bild: Marco Borggreve

Konzerthaus Berlin - Das Konzerthausorchester mit Christian Tetzlaff

Bewertung:

Musik vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Christian Tetzlaff führt das erste Violinkonzert von Karol Szymanowski zum Erfolg, und der Erste Gastdirigent des Konzerthausorchesters Berlin, Juraj Valcuha, sorgt für ein hohes Niveau.

Manchmal klingen Programme nur auf dem Papier gut. Hier geht das Konzept der Programmgestaltung auch hörbar auf: drei Komponisten einer Generation mit Stücken aus den 10er- und 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Und alle erzählen Geschichten: Märchen, ein symbolistisches Gedicht und Geschichte und Gegenwart der Stadt Rom.

Jeder der drei Komponisten, Ravel, Szymanowski und Respighi, hat seinen eigenen Weg gefunden: Bei Ravel ist es eine Form liebenswürdiger Naivität, bei Szymanowski ein wucherndes Klanggestrüpp, und Respighis orchestraler Bombast bekommt mitunter Filmmusik-Qualitäten.

Undankbar, aber erfolgreich

Ich kann mich nicht erinnern, das erste Violinkonzert von Karol Szymanowski jemals live im Konzert gehört zu haben. Kein Wunder: Das Stück ist verteufelt schwer und dazu auch noch einigermaßen undankbar. Das Orchester ist teilweise so dominant und farbenreich – überall glitzert und funkelt es. Da muss sich der Solist erst einmal einen Weg durch den Urwald bahnen.

Es gibt gute Gründe also, warum die meisten Geiger einen Bogen um das Werk machen – wenn sie es denn überhaupt kennen. Aber damit ist es genau das richtige Stück für Christian Tetzlaff. Er ist ein Geiger, der neben dem Standardrepertoire auf genau solche Stücke setzt.

Christian Tetzlaff (© Giorgia Bertazzi)
Bild: Giorgia Bertazzi

Tetzlaffs Klanguniversum

Hinzu kommt: Der Geigenpart liegt oft sehr hoch. Da kann man sich leicht genug Geiger vorstellen, bei denen das nur noch quietschen würde. Christian Tetzlaff kann dagegen mit Leichtigkeit Präsenz zeigen. Er betrachtet das groß besetzte Orchester nicht als Konkurrenz, sondern als Partner, hört sich in die Klangwelt ein, nimmt sie als Märchenzauberwald und filtert daraus einen Ton, den man aus dem Orchester kennt und den man im Geigenpart plötzlich wiederfindet.

Die späte Kadenz spielt Christian Tetzlaff mit einer Farbigkeit und Sanglichkeit, dass man den Eindruck hat, das ganze Orchester habe sich in die kleine Geige eingemietet. Da spielt jemand nicht einfach "Violine", sondern holt aus seinem Instrument ein ganzes Klanguniversum heraus. Warum wird dieses Konzert so selten gespielt? Die eigentlich richtige Antwort darauf muss lauten: Weil es so wenige Geiger gibt, die auf einem so hohen Niveau spielen wie Christian Tetzlaff.

Freundliche Pastellfarben

Maurice Ravel ist klanglich schwer einzufangen. Was will man mit Musik eines Komponisten anfangen, der über einen künstlichen Buchfinken sagte: "Ich höre sein Herz schlagen"!? Juraj Valčuha fühlt sich in "Ma mère l'oye" immer dann wohl, wenn er einen angenehmen Klang aus seinem Orchester herauszaubern kann. Im Feengarten zum Beispiel. Bevor dort alles in den herrlichsten Farben aufblüht, ist es wie kurz vor Sonnenaufgang. Alle sind noch einigermaßen verschlafen, und die Welt ist noch in Ordnung. Dafür findet der Dirigent einen körperlosen, schwebenden Klang. Wunderbar.

Juraj Valčuha ist ein Freund der Pastellfarben. Viel kann man da entdecken, aber wenn es zu grell wird, ist das nicht mehr sein Ding. Die grotesken Momente, die ein Maurice Ravel sehr gut kannte, will der Dirigent nicht so gerne zulassen. Da gelingt ihm die Zeichnung der "Schönen" hervorragend: sanft und freundlich. Das "Biest", das im Kontrafagott knarzt, knurrt und rülpst, erzeugt hier allenfalls das sanfte Brummen eines Teddybären. Schöne Farben insgesamt, aber alles ein bisschen zu brav und freundlich. Da ist das Kinderzimmer allzu aufgeräumt.

Zimmerspringbrunnen

Das setzt sich in Ottorino Respighis Sinfonischer Dichtung "Fontane di Roma" fort. Da gelingen die Zeichnungen von plätscherndem Wasser und freundlichen Landschaften. Man hört gerne zu. Auch weil das Konzerthausorchester in einer ausgewogenen Klangkultur agiert. Alle hören aufeinander, Juraj Valčuha hat wirklich alles aufs Feinste austariert.

Und dennoch hätte ein Blick in Respighis Kurzbeschreibungen der vier Teile gut getan. Da ist im zweiten Satz von einem "zügellosen Tanz inmitten der Wasserstrahlen" die Rede. Wasserstrahlen: ja, zügellos: nein. So ordentlich, wie das hier klingt, hat man allenfalls einen harmlosen Zimmerspringbrunnen im bürgerlichen Wohnzimmer vor Augen.

Nachtigall vom Band

Respighis "Pini di Roma" entfalten sich dagegen gewissermaßen von selbst. In der Partitur herrscht ein solch effektvolles Brimborium vor, dass es reicht, wenn man das akribisch umsetzt. Da gibt es eine Ferntrompete bei halb geöffneter Tür, das Gezwitscher einer Nachtigall als Zuspiel oder Blechbläser auf den Rängen, die das Klangbild einer Gladiatorenfilmmusik vermitteln.

Kurz: Das hat funktioniert. Juraj Valčuha hat es mit dem Konzerthausorchester auf höchstem Niveau erarbeitet. Und wenn er dann noch ein bisschen seine Introvertiertheit ablegt, kann er ganz an die Spitze gelangen.

Andreas Göbel, kulturradio

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