"Valery Gergiev"; © imago/ Michalx Dolezal
imago/ Michalx Dolezal
Bild: imago/ Michalx Dolezal

Konzerthaus Berlin - Orchester der Russisch-Deutschen Musikakademie

Bewertung:

Der Dirigent verspätet sich. Nach 75 Minuten kann der offizielle Teil erst beginnen. Und der lässt dann nur einen Schluss zu: Valery Gergiev ist ein Dirigent mit großem Namen. Aber er ist leider kein guter Jugendorchester-Erzieher. Ein missglückter Abend.

Die Russisch-Deutsche Musikakademie ist ein Projekt der Musikmanagerin Tatjana Rexroth zusammen mit dem russischen Dirigenten Valery Gergiev. Das Jugendorchester gibt es seit drei Jahren. Man ist gut vernetzt mit Politik und Wirtschaft. In der Hochglanzbroschüre zum fünfjährigen Jubiläum der Musikakademie finden sich Grußworte der Außenminister beider Länder. Auch hochkarätige Sponsoren finden sich. Einen davon kenn man hierzulande gut, seitdem ein ehemaliger deutscher Bundeskanzler für das russische Unternehmen arbeitet.

Das Orchester ließ zunächst einmal auf sich warten. Als nach 15 Minuten nach dem offiziellen Beginn das Publikum unruhig wurde, trat jemand ans Mikrophon und verkündete, der Dirigent Valery Gergiev könne infolge einer Flugstörung erst später auftreten. Verzögerung: 30 Minuten. Nach 50 Minuten wurden dann endlich die Saaltüren geschlossen. Da muss man die Frage stellen, wie Gergiev seine Verantwortung vor einem Jugendorchester wahrnimmt, wenn er offenkundig so spät anreist, dass er keine Gelegenheit mehr hat, in dem akustisch heiklen Saal des Konzerthauses auch nur noch eine Anspielprobe zu leiten. Selbst wenn man das Programm zwei Tage vorher schon in Sankt Petersburg gespielt hat. Und auch dann ging es noch nicht los. Es gab nach einer Begrüßungsrede die Ankündigung, anlässlich des fünfjährigen Jubiläums der Musikakademie würde der Solist des Abends, der Pianist Denis Matsuev eine Überraschung am Klavier spielen.

Beethoven-Sonate als Notlösung

Die "Überraschung" entpuppte sich als Ludwig van Beethovens Klaviersonate op. 110 – komplett! Vermutlich benötigte man die knapp zwanzig Minuten, um weitere Zeit zu überbrücken. Auch musikalisch klang es nach Notlösung.

Denis Matsuev spielte Beethovens spätes Werk, wie es gerade kam. Beethovens Noten waren es, aber klanglich bewegte es sich eher zwischen Chopin und Liszt, so sentimental und verwaschen wirkte es zeitweise. Aber nach insgesamt 75 Minuten konnte dann tatsächlich das Orchester auch auftreten und das angekündigte Programm beginnen.

Ein bisschen Zimmermann

In der erwähnten Broschüre kann man nachlesen, dass jedes Projekt des Orchesters auch eine zeitgenössische Komposition enthält. Das ist lobenswert, und in diesem Jahr bietet sich der 100. Geburtstag von Bernd Alois Zimmermann als Anlass geradezu an. Warum aber dann keines der Hauptwerke Zimmermanns? Sondern die kleine Tanzsätze-Suite "Giostra Genovese", und daraus auch nur zwei Sätze, und die auch noch richtig schlecht gespielt.

Valery Gergiev ist mit dieser Musik überhaupt nicht klar gekommen. Er stand vor dem Orchester, den Blick tief in die Partitur versenkt, mit hilflosem Gefuchtel. Die bedauernswerten jungen Musikerinnen und Musiker spielten tapfer die Noten. Wie sollten sie auch den hintergründig-kauzigen Humor dieser Musik vermitteln, wenn ihnen dieser offenkundig nicht vermittelt wurde. Man kann es Valery Gergiev nicht verübeln, wenn er zu zeitgenössischer Musik kein Verhältnis hat. Aber warum dirigiert er sie dann?

Gelangweilt und uninspiriert

Sergej Rachmaninows zweites Klavierkonzert hätte ein Heimspiel für eine solche Konstellation sein können. Allerdings scheint es sich hier gerächt zu haben, dass Gergiev das in diesem Saal nicht noch einmal probiert hat. Zusammen war man mit Klavier und Orchester, aber klanglich war das Ergebnis eher Zufall. Das Orchester präsentierte sich allenfalls breit, dick und ziemlich undifferenziert.

Denis Matsuev hat eine atemberaubende Technik. Die größten Schwierigkeiten kann er lässig in schnellstem Tempo absolvieren. Das war aber auch alles. Musikalisch hat er die Töne abschnurren lassen. Selten hat man das so gelangweilt und uninspiriert gehört.

Schubert als Bruckner

Franz Schuberts große C-Dur-Sinfonie braucht einen langen Atem und ist für ein Jugendorchester immer eine Herausforderung (auch wenn Gergiev die längsten Wiederholungen gestrichen hat). Hier immerhin hörte man Ansätze guter Orchesterkultur neben herausragenden Einzelleistungen, vor allem in den Bläsern. Valery Gergiev verlangte zügige Tempi, für das lange Werk eine gute Entscheidung.

Und doch nahm Gergiev das alles zu spätromantisch dick, wuchtig und pathetisch. Schubert wurde hier zum Bruckner, auch wenn man spürte, dass hier begabte junge Nachwuchs-Musikerinnen und Musiker auf dem Podium saßen. Trotzdem erlebt man – nicht zuletzt im Sommer in Berlin bei "Young Euro Classic" oft ganz andere Leistungen. Sicherlich war die Idee gut gemeint, mit Valery Gergiev einen Dirigenten mit großem Namen und Einfluss zu gewinnen. Ein Jugendorchester-Erzieher ist er jedoch nicht, wie dieser Abend bewiesen hat.

Andreas Göbel, kulturradio

Weitere Rezensionen

Philharmonie Berlin: Messiah © Kai Bienert
Kai Bienert

Philharmonie Berlin - "Messiah"

Am Wochenende zeigte Frederic Wake-Walker an der Berliner Philharmonie seine Version von Händels "Messias". Einer der Höhepunkte der Spielzeit des DSO Berlin mit seinem Dirigenten Robin Ticciati?

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung: