Simon Rattles Abschied mit Mahlers Sechster; © Monika Rittershaus
Monika Rittershaus
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Philharmonie Berlin - Simon Rattles Abschied mit Mahlers Sechster

Bewertung:

Ein Abend, irgendwie wie Simon Rattles sechzehn Jahre als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker: Weltklasse mit Anlaufschwierigkeiten.

Das war ein besonderer Abend. Erwartbar, dass der Große Saal der Berliner Philharmonie so ausverkauft war, dass jeder verfügbare Platz belegt war. Erwartbar ebenfalls, dass es am Ende stehende Ovationen für Sir Simon gab.

Dann aber, als das Orchester schon von der Bühne gegangen war, blieb ein Großteil des Publikums und klatschte weiter. Simon Rattle musste noch einmal auf die Bühne kommen, hatte ein Mikrofon dabei und bedankte sich mit den Worten (auf Deutsch!): "Mein wunderbares Berliner Publikum, Sie bleiben tief in meinem Herzen."

Schlüsselwerk

Mit der sechsten Sinfonie von Gustav Mahler hat Simon Rattle am 14. November 1987 bei den Berliner Philharmonikern debütiert. Das war damals noch in der Ära von Herbert von Karajan. Der hat dieses Werk auch dirigiert, aber doch eher das Abgründige und Sarkastische nivelliert. Dann kam Rattle und hat das alles aufgerissen: die Tragik, das Collageartige.

Simon Rattle hat immer schon die Sinfonien Gustav Mahlers gerne und oft auch gut dirigiert. Als Chefdirigent in Birmingham, aber auch bei einem wirklich besonderen Ereignis: als 2005 die Berliner und die Wiener Philharmoniker ein gemeinsames Konzert in der Philharmonie gaben. Auch da gab es u. a. Mahlers Sechste.

Anlaufschwierigkeiten

Diesmal war es wie so oft bei Simon Rattle: Am Beginn funktionierte nicht viel. War es hier verstärkt durch den besonderen Anlass? Auf jeden Fall klang es verkrampft. Rattle arbeitete in gewohnter Manier Einzelheiten heraus, aber ohne Bedeutung für das Ganze. Und auch oft ein Problem Rattles: die Lautstärke. Sicher kann es bei Mahler an die Schmerzgrenze gehen, aber als Dauerzustand ist das deutlich zu wenig.

Das kennt man auch von Rattles Dirigaten, ob Schumann oder Brahms: Irgendwann wird ein Schalter umgelegt, und das Orchester klingt wie ausgewechselt. Übrigens auch beim legendären Zusammentreffen der Berliner und Wiener: Auch da wollte es am Beginn gar nicht zusammengehen. Und jetzt ließ Simon Rattle das Finale ohne Pause auf das Scherzo folgen. Und plötzlich schien die Handbremse gelöst zu sein. Kurz: Da hat dann einfach mal gefühlt ein anderes Orchester gespielt.

31 Jahre mit Daniel Stabrawa

In diesem Sinfoniefinale stimmte alles: Klang, Haltung, Zusammenspiel. Plötzlich war man wieder ein Orchester und eines von Weltrang. Alles hat einen Sinn ergeben: die Tragik, die Modernität. Die Zersplitterung dieses Satzes: wie Trümmer im Weltall, plötzlich ein riesiger Raum. Es war nicht mehr einfach nur fatalistisch, sondern das alles in so vielen Facetten. Auch mal aufgehellt in einer scheinbaren Freundlichkeit und Heiterkeit – nur um dann umso lustvoller in die Katastrophe abzudriften.

Es war aber auch die Orchesterkultur. Da schienen andere Musiker auf der Bühne zu sitzen. Was ein Dirigent nicht zusammenhalten kann – plötzlich gelangen die aberwitzigsten Schwierigkeiten in einer atemberaubenden Virtuosität. Jeder wusste genau, was er zu tun hatte, alle hörten aufeinander. Und dann war da der Erste Konzertmeister Daniel Stabrawa. Auch bei Simon Rattles Debüt 31 Jahre zuvor saß er am ersten Geigenpult. Einige wenige Solostellen hat die Geige, und Stabrawa spielte das zum Dahinschmelzen, als persönliche Botschaft an Simon Rattle (so jedenfalls schien es). Dieses Finale, diese dreißig letzten Minuten der Sinfonie waren berührend und absolute Weltklasse zugleich.
Simon Rattles Abschied mit Mahlers Sechster: das Publikum dankt; © Monika Rittershaus
Bild: Monika Rittershaus

16 Jahre Chef

In seinen sechzehn Jahren als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker hat Simon Rattle viel bewegt. Als Schlagworte ließen sich u. a. nennen: Education, Erweiterung des Repertoires, Öffnung der Philharmoniker nach außen, die Stiftung, die Digital Concert Hall … Unter Simon Rattle ist das Orchester in positiver Hinsicht ein anderes geworden.

Musikalisch fällt die Bilanz gemischt aus. Gerade in der Alten und Neuen Musik konnte Simon Rattle Akzente setzen. Die Standards der Klassik und Romantik waren dagegen oft durchwachsen, bisweilen unfertig. Man sollte im Abschiedstaumel nicht der Gefahr der Verklärung erliegen. Es waren insgesamt sechzehn gute Jahre, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Andreas Göbel, kulturradio

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