Christiane Karg; Foto: Gregor Baron
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Philharmonie Berlin, Kammermusiksaal - Christiane Karg, Michael Nagy und Gerold Huber

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Gut vier Monate, nachdem Diana Damrau und Jonas Kaufmann in einer leider nur tourneehaften, routinemäßigen Aufführung das "Italienische Liederbuch" von Hugo Wolf in Berlin aufgeführt hatten, zeigten Christiane Karg, Michael Nagy und Gerold Huber, wie es wirklich geht.

Hugo Wolfs "Italienisches Liederbuch" hört man nicht so oft im Konzert. Jetzt sogar relativ dicht hintereinander. Und während Diana Damrau und Jonas Kaufmann als Weltstarbesetzung vor vier Monaten eine leider nur eine routinemäßige, langweilige Aufführung zustande brachten, kamen jetzt mit Christiane Karg und Michael Nagy zwei Sänger zusammen, die den Kosmos dieser Lieder zwischen Charme, Witz, Gefühl und Ironie aufs Schönste zu vermitteln wussten.

Das Heikle, aber auch das Schöne und Geniale an diesen Liedern ist das Miniaturhafte. Es sind Aphorismen: 46 Lieder in knapp 80 Minuten. Mitunter eine ganze Welt in wenigen Sekunden. Da geht es um Liebe, Eifersucht, auch um Schmerz und Tod. Und das alles frech und knapp, unverschämt. Da verspotten sich beide, streiten und vertragen sich. Es ist einfach wie im richtigen Leben.

Kein Paradies. Ja, und?

Die Herausforderung besteht darin, dass es alles Solo-Lieder sind. Es gibt keine Duette, also keine echte Kommunikation. Aber das gleichen beide großartig aus. Überwiegend bestehen die Lieder darin, dass die eine dem anderen die Meinung sagt, nicht gerade diplomatisch. Wenn er jammert: Weil ich dich geliebt habe, komme ich nicht ins Paradies – da macht sie einfach eine Handbewegung: Ja, und? Nicht mein Problem.

Dabei bleibt das alles in schönster Andeutung. Keine opernhaften Gesten, alles liedhaft intim. Und trotzdem voller Witz und Ironie. Wenn er ihr am Ende seine Hand zur Versöhnung entgegenstreckt, schleudert sie ihm nur lachend entgegen, dass sie doch in ganz Italien Dutzende von Liebhabern habe. Da ist er abgemeldet. Und das ist schon darstellerisch ein Riesenvergnügen.

Gestaltungskunst in höchster Vollendung

Christiane Karg weiß, wie Lied geht. Keine Oper, sondern die verdichtete Form. Kürzer geht es bei Hugo Wolf ja auch nicht. Und Christiane Karg weiß als eine der besten Liedinterpretinnen aktuell, wie man auf einem einzigen Ton mal eben die Stimmung wechselt. Von gespielter Naivität zum Witz, vom Witz zur Unschuld, aus Unschuld wird Zynismus.

Das ist am Beginn noch zurückhaltend, um immer mehr an Kontur zu gewinnen. Und dann spielt sie, nicht nur mit ihrem Partner auf der Bühne, sondern auch mit dem Publikum. Ob aus einem Ton ein Kuss oder eine Backpfeife wird, das entscheidet sich erst in letzter Sekunde. Das ist Gestaltungskunst in höchster Vollendung. Ein größeres Vergnügen kann man bei einem Liederabend nicht haben.

Michael Nagy, Bariton; Foto: © Carsten Kampf
Bild: Carsten Kampf

Lieder wie Gebete

Michael Nagy trägt sein Herz auf der Zunge bzw. Stimme. Da hat man fast Angst, dass es zu opernhaft aufbrausend wird. Aber man ist auch gerührt, wie er, von ihr zusammengestaucht, unglücklich aus der Wäsche blickt. Er kann ganz grandios das Tragische vermitteln. Wenn er Regen, Blitz und Kälte ausgesetzt ist, nur weil sie ihn nicht reingelassen hat, ist das irre komisch und entsetzlich traurig zugleich.

Dort, wo er einfach Liebeslieder singt, ist das so intensiv, als wenn er ein Gebet singen würde. Das hat eine Intensität, die im besten Sinne für Rührung sorgt. Schöner kann man so etwas nicht vermitteln.

Kein Begleiter

Gerold Huber war der Liedbegleiter. Und: "Begleiter" kann man gleich wieder streichen. Huber gehört zur jüngeren Generation von Liedpianisten, die die leidige Frage nach dem "Bin ich zu laut?" hinter sich lassen. Er ist vom ersten Ton an gleichberechtigter Partner. Er muss nur ein paar Sekunden das Vorspiel zu einem Lied anfangen, schon steckt dort alles drin: Emotion, Ernsthaftigkeit oder Witz und Humor. Er kommentiert und setzt gerne herrliche oder fiese Akzente.

Da reicht es, wenn er einen Ton hervorhebt und mit der anderen Hand einen Finger hebt. Da weiß man: Achtung, es folgt etwas Besonderes. Damit treibt er beide Singstimmen zu Höchstleistungen.

Das war ein grandioser Abend. Der Wermutstropfen: Es war nur halb voll. Alle, die vor vier Monaten, von den großen Namen angelockt, bei Damrau und Kaufmann waren, hätten Karg und Nagy (und Huber!) hören sollen. Da hätten sie erleben können, wie man es wirklich macht.

Andreas Göbel, kulturradio

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