Antonio Pappano; Foto: © Musacchio & Ianniello/EMI
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Philharmonie Berlin - Staatskapelle Berlin mit Brittens "War Requiem"

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Benjamin Britten wollte mit seinem "War Requiem", einer Vertonung des lateinischen Requiem-Textes und Gedichten eines im Ersten Weltkrieg Gefallenen, die Menschen ganz einfach ein wenig nachdenklich machen. Was auch heute noch gelingt.

Entstanden ist das "War Requiem" für die Einweihung der wiederaufgebauten Kathedrale von Coventry, die im Zweiten Weltkrieg von der NS-Luftwaffe zerstört worden war. Den liturgischen Requiem-Text hat Benjamin Britten mit Gedichten von Wilfred Owen ergänzt. Der Dichter war mit Mitte 20 im Ersten Weltkrieg gefallen. Das sind sehr eindringliche Bilder vom Schrecken des Krieges, von Tod, Mord und Sterben.

Symbolhaft wollte Britten für die Uraufführung als Gesangssolisten Vertreter von Nationen besetzen, die sich im Zweiten Weltkrieg gegenüberstanden, in diesem Fall die Sowjetunion, Großbritannien und Deutschland. Das scheiterte zunächst am Kalten Krieg Anfang der Sechzigerjahre – die russische Sopranistin durfte nicht anreisen. Erst für die kurz danach entstandene Plattenaufnahme konnte sie zur Verfügung stehen.

Unerwartete Harmonie

Benjamin Britten hat das Werk auf die räumliche Disposition der Kathedrale von Coventry abgestimmt, auf einen Kirchenraum also mit entsprechend halliger Akustik. In der Philharmonie klingt das sehr viel nüchterner und ausgewogener. Gerade die intensiven Klangmassen wirken abgemilderter.

Dafür entfalten sich die leisen Stellen umso beklemmender und verstörender, wenn etwa der Chor überhaupt nicht nach vorne singt, sondern mehr in sich hineinzumurmeln scheint. Und wenn nach ziemlichen Dissonanzen plötzlich eine unerwartet reine Harmonie erklingt, vermittelt sich die Suche nach Frieden, die der Pazifist Britten hier komponiert hat. Und das berührt bis heute.

Klangmischung

Antonio Pappano ist ein sehr erfolgreicher Operndirigent, sehr viel überzeugender als mit sinfonischem Repertoire. Seit sechzehn Jahren ist er Chef am Royal Opera House von Covent Garden in London. Das "War Requiem" liegt ihm. Er weiß genau, dass es auch in der Oper darauf ankommen kann, Dinge zurückzunehmen. Das wendet er sehr erfolgreich auf dieses oratorische Werk an. Bei ihm sind es die Übergänge und Pausen, die bisweilen den Atem nehmen. Er versteht es, die einzelnen Elemente hervorragend zu mischen, etwa wenn der Chor nur die Erweiterung der orchestralen Klangfarbe ist.

Einiges hätte klarer und durchhörbarer sein können. Wenn man ihn dirigieren sieht, erinnert das bisweilen an einen sehr dicken Pinselstrich. Mitunter vibriert in seiner Hand sogar der Dirigentenstab. Und trotzdem gelingt das Verhältnis von Kriegsgreuel und der Sehnsucht, dass das alles einmal aufhören möge.

Ian Bostridge

Genau wie von Britten gedacht, versammeln sich auch hier in den drei Solisten die entsprechenden Nationalitäten. Die russische Sopranistin Anna Nechaeva ist hochdramatisch, mitunter eine Spur zu sehr. Der deutsche Bariton Matthias Goerne ist noch auf der Suche nach dem richtigen Verhältnis der Extreme. Mal brummt er mehr in sich hinein, dann dreht er fast opernhaft auf.

Eine klare Gestaltung zeigt der britische Tenor Ian Bostridge. Er zeigt das Aggressive, Schneidende, Helle und Sarkastische seines Textes. Wenn gleich am Beginn von denen die Rede ist, die wie Vieh sterben, schleudert er das dem Publikum entgegen. Spuckt geradezu Silben und Wörter aus. Beeindruckend.

Nachdenklich

Der Chor der Staatsoper schafft die nötigen Extreme zwischen Fahlheit und Schärfe. Wenn gegen Ende alle einzeln im Chor ihren Text in individuellem Tempo halb sprechen, halb singen, scheint das immer mehr den Raum zu füllen. Der Kinderchor der Staatsoper singt von höchster Empore, glasklar und höchst verständlich. Eine Glanzleistung.

Die Staatskapelle ist in XXL-Besetzung anwesend. Zum gigantischen Orchester kommt noch ein zusätzliches Kammerorchester. Die Bühne ist damit randvoll. Auch hier überzeugen mehr die leisen Töne, das Verhältnis von schrecklicher Realität und der Vision einer Welt, wie sie sein könnte. Gerade hier, wenn sich der Orchesterpart immer mehr verästelt und kaum eine Partiturseite ausreicht, das alles abzudrucken, hat es eine Körperlosigkeit, fast etwas Unwirkliches.

Die ganze Aufführung hält eine hervorragende Balance zwischen Anklage und Friedensvision. Was Britten mit seinem Werk wollte: Die Menschen einfach ein bisschen nachdenklich machen – das ist auch dieser Aufführung hervorragend gelungen.

Andreas Göbel, kulturradio

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