Schaubühne: Im Herzen der Gewalt mit Laurenz Laufenberg, Christoph Gawenda, Renato Schuch, Alina Stiegler; © Arno Declair
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Schaubühne - "Im Herzen der Gewalt"

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Gerade noch war Regisseur und Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier mit seiner Bühnenfassung von Didier Eribons Erfolgs-Roman "Rückkehr nach Reims" zum Berliner Theatertreffen eingeladen – da stürzt er sich schon wieder auf einen französischen Autor.

Diesmal hat er sich "Im Herzen der Gewalt", den autobiografisch grundierten Roman von Édouard Louis vorgenommen, mit dem der erst 25-jährige Schriftsteller und Student kürzlich für literarische Furore und heftige politische Debatten sorgte.

Édouard Louis hat beim einige Jahre älteren Soziologen und Schriftsteller Didier Eribon studiert und ist gut mit ihm befreundet. Beide, Eribon und Louis, beschäftigen sich mit struktureller und offener Gewalt, Homophobie und Rassismus. Beide schreiben in ihren autobiografischen Büchern über die "soziale Scham" schwuler Intellektueller, die aus kleinen, ärmlichen Verhältnissen stammen, aus der französischen Provinz nach Paris geflohen sind, um sich in der anonymen Großstadt und im universitären Milieu neu zu erfinden. Und die sich dabei doch permanent ihrer Herkunft und Vergangenheit, ihrer mangelhaften Sprache und Bildung schämen. Die sich fremd fühlen in der linken intellektuellen Schickeria, die keine Ahnung hat, wie die Arbeiterklasse heute wirklich tickt und warum die Ausgebeuteten und Deklassierten früher kommunistisch und heute rechtsradikal wählen.

Beide kehren in ihre Heimatorte zurück: Eribon in das industriell verwüstete Reims, Louis nach Hallencourt, einem kleinen Kaff in der Picardie, wo Frankreich öde und verregnet ist und die Menschen arm und dumpf und voller Vorurteile sind.

Die Romanze wird zum Albtraum

Louis berichtet von einem Erlebnis, das romantisch beginnt und fast tödlich endet: Es ist Heiligabend, er hat sich gerade mit Eribon und anderen Freunden getroffen und Geschenke ausgetauscht. Jetzt ist er auf dem Heimweg, da spricht ihn ein Mann an, Reda, ein in Frankreich geborener Kabyle (ein Berber). Die beiden kommen ins Gespräch, sie flirten, schließlich nimmt der Autor den Fremden mit in seine Wohnung. Sie schlafen miteinander, alles scheint rosarot.

Doch dann wird die Romanze schlagartig zum Albtraum, als Louis bemerkt, dass sein Handy futsch ist und sein iPad in Redas Manteltasche steckt. Als Dieb verdächtigt, rastet Reda komplett aus. Er würgt Louis mit einem Schal, bedroht ihn mit einem Revolver und vergewaltigt ihn brutal.

Louis gelingt es nur mit Mühe, seinen Peiniger zu vertreiben. Um sich und seine Umgebung vom Erlebten zu reinigen, schrubbt er seine Wohnung penibel sauber, lässt sich im Krankenhaus untersuchen und die Verletzungen bestätigen, und auf Anraten von Eribon und anderen Freunden gibt er bei der Polizei eine Anzeige auf.

Geschockt und verstört flüchtet Louis sich zu seiner Schwester Clara in die Provinz, berichtet ihr, was geschehen ist. Und hört dann, hinter einer Tür versteckt, mit an, wie Clara wiederum ihrem Mann berichtet und aus ihrer Sicht kommentiert, was Louis ihr erzählt hat von der Vergewaltigung, der Todesangst, den verächtlichen, Schwulen-feindlichen und rassistischen Reaktionen der Polizei.

So entsteht ein mehrstimmiger Chor, mit dem Louis herausbekommen will, was wirklich geschehen ist, warum er sich seitdem vor Ausländern, besonders vor Arabern fürchtet: "Ich war", schreibt er voller Selbstekel, "zum Rassisten geworden."

Das fürchterliche Szenario spielbar machen

Ostermeier hat – unter Mitwirkung des Autors – den 220-seitigen Roman erheblich gekürzt. Er verteilt die Dialoge auf vier Schauspieler: Laurenz Laufenberg ist Édouard Louis, Renato Schuch verkörpert Reda. Alina Stiegler und Christoph Gawenda schlüpfen in mehrere Figuren: sie sind die Schwester, der Schwager und die Mutter, sie sind Polizisten, Ärzte und Psychologen. Aber Édourads Kollegen, das Schriftsteller-Milieu und die Kommentare von Eribon und all den anderen sind gestrichen.

Die Bühnenfassung konzentriert sich ganz auf die Rekonstruktion der Ereignisse und darauf, wie man für diesen Albtraum eine Sprache finden kann, ob durch das Erzählen und Beschreiben sich die Ereignisse nicht eher verflüchtigen und zu einer bösen Fantasie werden, der jede Wahrheit und Realität abhandenkommt.

Der Regisseur wählt einen Weg, der das fürchterliche Szenario erträglich und den darüber nachdenken Stimmen-Chor spielbar macht: er ästhetisiert, verdoppelt, verfremdet, stilisiert, kommentiert, stellt infrage. Die Szenen, Orte, Handlungen, Reflexionen fließen ineinander, die Darsteller schlüpfen auf offener Bühne ständig in neue Rollen und Kostüme, filmen und zeigen, was gesagt und gespielt wird als Video-Projektion auf einer großen Leinwand.

Schaubühne: Im Herzen der Gewalt mit Laurenz Laufenberg, Alina Stiegler, Renato Schuch; © Arno Declair
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An der Grenze des Erträglichen

Ein Musiker kommentiert das Gesagte und Gezeigte live am Schlagzeug und auf dem Keyboard und erzeugt zu den schwarz-weißen Videobildern die Stimmung eines klassischen französischen Film Noir. Durch permanenten Wechsel der Darstellungs- und Spiel-Weisen bekommt die Inszenierung eine zugleich befreiende wie befremdliche Anmutung, einen zugleich abstrakten wie realen Sog.

Nur eine einzige Szene ist von groteskem Humor und bizarren Video- und Musik-Kommentaren vollkommen befreit: Es herrscht die pure Beklemmung, wenn Reda seine Waffe zückt und Édouard brutal vergewaltigt wird. Da kann man eine Stecknadel fallen hören und als unfreiwilliger Voyeur möchte man am liebsten die Augen schließen und aus dem Theater flüchten: Es geht an die Schmerzgrenze des Erträglichen.

Ein großer Theaterabend

Das Publikum reagiert mit euphorischen und befreienden Ovationen für alle, besonders für den Autor, der auf die Bühne geholt wird und erkennbar gerührt und beglückt ist. Der Zufall wollte es, dass ich während der Vorstellung direkt neben dem Autor saß. Ich habe seine Anspannung, aber auch seine Freude und seine Zufriedenheit gespürt darüber, wie sensibel und vielschichtig sein Text, seine Erlebnisse und seine sozialphilosophischen Reflexionen auf offener Bühne behandelt und ausgeleuchtet werden.

Ein großer und denkwürdiger Theaterabend.

Frank Dietschreit, kulturradio

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