"Jeff Koons"; © Arno Declair
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Schaubühne - Rainald Goetz: "Jeff Koons"

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Der Georg-Büchner-Preisträger Rainald Goetz gilt als Chronist der Gegenwart. Nun zeigt die Schaubühne "Jeff Koons", sein Stück über Kunst, uraufgeführt 1999. Banal und öde?

Jeff Koons ist der teuerste Künstler der Gegenwart, Skandale und Klatsch folgen ihm auf Schritt und Tritt: Seine quietschbunten Skulpturen gelten vielen als purer Kitsch, die Ehe mit der Pornodarstellerin Cicciolina endete im Rosenkrieg. Gerade erst hat Paris es abgelehnt, seine elf Meter hohe Tulpenstrauß-Skulptur vor zwei Museen aufzustellen. Damit habe er nämlich nicht, wie behauptet, an die Opfer der Attentate in Frankreich erinnern wollen, sondern Werbung für sich selbst machen.

"Jeff Koons"; © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Stringente Handlung gibt es keine

"Jeff Koons" – das ist auch ein Theaterstück vom Büchner-Preisträger Rainald Goetz aus dem Jahr 1999. Koons kommt darin, seltsam genug, gar nicht vor. Ein Künstlerdrama ist es durchaus, aber eben keines mit ausgewiesenen Figuren und festgelegten Dialogen. Goetz beginnt mit dem dritten Akt, springt in den ersten und wieder zurück. Stringente Handlung gibt es keine, dafür Motive, Splitter, Gedankenfetzen. Die setzen sich zu einer Kunst- und Kunstbetriebssatire zusammen – Vernissagen, Weißwein, Wichtigtuerei sind die Stichworte, Glamour und Glanz, Technobeats, Koks und One-Night-Stands. Das Atelier gleicht einer Studio-Fabrik wie bei Andy Warhol (und Jeff Koons!), in der Mitarbeiter die Kunst "erledigen".

Doch auch die Kehrseite dieser Oberflächenreize wird benannt: die Penner vor den Clubtüren in der Nacht, Gewalt, Gefühlsarmut, Überdruss. Daraus dringt, das ist essentiell für den Text, eine Sehnsucht nach Echtheit, Liebe, Zugehörigkeit hervor, eine Panik vor Vergänglichkeit. Ein lyrischer, rhythmisierter, musikalischer Text, der von Stimmungen lebt, vom Rausch, aber auch von den Abstürzen des einsamen Künstlers. Dem Theater lässt das Stück mit seiner offenen Form die größtmögliche Freiheit.

Die Regisseurin Lilja Rupprecht tut nun das Naheliegende und inszeniert es als Vernissage in einer Art Club-Galerie. Sobald die Zuschauer das kleine Studio der Schaubühne betreten, stehen sie zwischen Stellwänden – darauf die Projektionen von Blumenbildern, die die Schauspieler gerade live krakeln. Kay Bartholomäus Schulze geht als exzentrischer Künstler mit grauer Zottelmähne à la Beltracchi umher, schreit "Ich Ich Ich" und beschwört die "Ichigkeit" der Kunst. Projektionen von Jeff Koons wechseln sich mit jenen seiner bunten Balloon-Kunstwerke ab. Auf der Wand ihm gegenüber lüftet seine Ex-Frau das Kleid bis zum Bauchnabel. Zwischen ihnen spielt der DJ am Pult Leonhard Cohens "Everybody Knows", dunkel melancholischer Weltschmerz.

"Jeff Koons"; © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Retro-Inszenieren mit Mainstream-Regieeinfällen

Im Lauf der nächsten zwei Stunden hangeln sich die vier Spieler von einem Szenensplitter zum nächsten. Ein frisch gefundenes Liebespaar ruft vor einer Paradieskulisse in Öl seine Begierde füreinander ins Mikrophon. Im Atelier haut der langhaarige Künstler sein Action-Painting mit Rasierschaum und Schwarzwälderkirschtorte auf die Leinwand, während Iris Becher als Künstlerin Champagner schlürft und Erdbeeren nascht. Gegen Ende werden, wer hätte es gedacht, ein paar Zuschauer zum Vernissage-Sekttrinken auf die Bühne geholt.

Ständig begleitet einen das Gefühl des Déjà-Vus: So oder so ähnlich hat man das schon Dutzende Male auf der Bühne gesehen. Was bei der Uraufführung vor 20 Jahren noch eine akkurate Abbildung des Zeitgeists war, wirkt heute wie Retro-Inszenieren mit Mainstream-Regieeinfällen. In der Wirkung ist das ungeheuer ermüdend – die nervigen, oberflächlichen Künstlertypen kennt man inzwischen in- und auswendig, interessant waren sie noch nie.

Banal und öde

Wie man "Jeff Koons" heute überhaupt noch mit Gewinn inszenieren kann, bleibt also weiterhin offen. Dass die Stücke von Rainald Goetz derzeit wieder häufiger auf dem Spielplan stehen, liegt wohl an der Goetzschen Freiheit, mit Sprache umzugehen. Sein poetisches, mäanderndes Sprechen unterscheidet sich deutlich vom moralgetränkten Duktus, der heute so häufig am Theater zu hören ist. Auch in Rupprechts konventioneller Inszenierung ist es allein die Sprache, die flirrt, aufstößt, verunsichert, aus einer anderen Zeit (im besten Sinne) zu stammen scheint. Diese hohe Kunstfreiheit der Sprache gelte es befragen, statt die immer gleichen Kunstbetriebsbilder zu re-inszenieren – das wirkt nur banal und öde.

Barbara Behrendt, kulturradio

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