Gisèle Vienne: "Menge (Crowd)" (Volksbühne Berlin); © Estelle Hanania
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Volksbühne Berlin - Gisèle Vienne: "Menge (Crowd)"

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Gisèle Vienne gehört zu den hierzulande noch zu entdeckenden Choreografinnen. In den frühen 90er Jahren hat sie in Berlin gelebt und war in der Startphase der Rave-Techno-Club-Szene dabei. In ihrer Tanzperformance "Menge (Crowd)" setzt sie sich mit dieser Zeit auseinander.

Eine Techno-Party hat die österreichisch-französische Choreografin Gisèle Vienne mit ihrem Stück "Menge" inszeniert. Eine Choreografie, inspiriert von ihren eigenen Erlebnissen als junge Frau Anfang der 90er Jahre in Berlin, als die heute legendäre Berliner Technoszene in improvisierten Clubs, in Kellern und Abrisshäusern ihre Anfänge erlebt hat. Gestern war Deutsche Erstaufführung dieser Choreografie in der Berliner Volksbühne.

Gisèle Vienne: "Menge (Crowd)" (Volksbühne Berlin); © Estelle Hanania
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Out-Door-Rave in Szenerie der frühen 90er Jahre

Gisèle Vienne veranstaltet ihre Techno-Party nicht in Club, Keller oder Ruine sondern inszeniert einen Outdoor-Rave auf einem braunen Sandacker, schon zu Beginn voller Müll.

Hier tanzen sich 15 junge Tänzerinnen und Tänzer in Ekstasen – von Gisèle Vienne mit der Grundfrage auf die Bühne geschickt: Was suchen sie, wonach sehnen sie sich, diese Tänzer in der Szenekleidung der 90er, in den Sportklamotten der angesagten Hersteller, in Jeans, Karohemd, neonfarbener Ballonseide? Vienne hat sich genau erinnert oder auch die frühen Fotografien von Wolfgang Tillmanns studiert, an die einige der Figuren erinnern.

Dazu ertönt ein anfangs melodiöser, später auch sehr harter, schneller Techno-Soundtrack, der aber nicht wie ein DJ-Set durchläuft sondern immer wieder unterbrochen wird, andere Stimmungen und Atmosphären erzeugt.

Slow Motion, Stop Motion – Tanz, Theater, Film, Fotografie

Für ihren Tanz nutzt Gisèle Vienne v. a. die einfache Technik der Entschleunigung, Slow Motion, die Tänzer bewegen sich in Zeitlupe, markieren die exaltierten, ausgreifend expressiven Bewegungen des sich selbst Genießens. Nur den eigenen Körper zu spüren, im weichen Fließen oder in den harten Ausschlägen der Glieder, in den Zuckungen, Körperwellen und gereckten Armen – das Sich-Selbst-Genießen scheint ein Wunsch dieser Tänzer zu sein.

Neben Slow Motion nutzt sie auch Stop-Motion, das Einfrieren einer Bewegung und das ruckhafte Fortsetzen, rhythmisch der Musik folgend, jeder für sich und doch alle synchron in einer Masse – das Aufgehen in der Menge, das Verschmelzen zu einer Gemeinschaft wird als zweite Sehnsucht markiert.

Dabei geht Vienne sowohl choreografisch vor, etwa mit Verdichtung und Ausweitung der Gruppe im Raum, als auch filmisch und fotografisch und theatral-narrativ. Und sie setzt Spotlights: Immer wieder erstarrt die Gruppe, nur einzelne Tänzer oder Paare bewegen sich langsam weiter – der Blick wird auf sie gelenkt und Vienne wird zur klassischen Geschichtenerzählerin.

Gisèle Vienne: "Menge (Crowd)" (Volksbühne Berlin); © Estelle Hanania
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Einfache kurze Geschichten, Minidramen, Erzählungen

Sie erzählt einfache und kurze Geschichten: zu Beginn das vorsichtige Herantasten, das Ab-Checken und In-Kontakttreten – sie zeigt coole und schüchterne Einzelgänger, eine überdreht fröhliche Truppe, schmusende oder sich streitende Paare.

In den Spotlights sind es Minidramen: die Suche nach Begegnung und Berührung, Verlegenheit, Ablehnung und Frustration oder die Aggressionen nach Zurückweisung. Zwei junge Männer, die sich kurz prügeln und einen Battle tanzen, versinken in zärtlichen Umarmungen, eine junge Frau muss das Fremdgehen ihres Partners ertragen, eine wird von ihrem Flirt erst zurückgewiesen, dann akzeptiert, eine Frau wagt intime Berührungen am Körper einer anderen komatös im Sand liegenden. Das Berühren und Berührt-Werden-Wollen, das Verlangen nach Entgrenzung, nach der Verschmelzung mit anderen, das Begehren, sich zu verwandeln und aus der eigenen Haut zu schlüpfen ist es, was diese jungen Menschen suchen.

Intimitäten unter Drogen – Erschöpfung, Ernüchterung und Leere

Wobei Vienne bei aller Erzählfreude nicht naiv oder romantisch sondern analytisch, beinahe anthropologisch vorgeht und auch zeigt, dass die vorübergehenden Intimitäten ein Ergebnis jener Substanzen sein könnten, die vermutlich alle hier eingenommen haben. Die typische Wirkung etwa von Ecstasy: man liebt jeden abgöttisch, der zufällig vor einem steht und kann sich nach dem Rausch nicht daran erinnern. Auch Ernüchterung und Enttäuschung, die Erschöpfung und Leere nach Trance und Ekstase werden in fast unerbittlicher Genauigkeit offenbart.

Meisterin des In-Szene-Setzens

Gisèle Vienne zeigt sich in dieser Choreografie als Meisterin des In-Szene-Setzens, nutzt alle Stilmittel souverän und arbeitet sogar skulptural: lässt Einzelne oder die gesamte Gruppe zu Standbild-Monumenten ekstatischen Tanzes gefrieren, um gleich darauf das Pulsieren in Zeitlupe fortzuführen.

Ähnlich wie bei ihrem letzten Berlin-Gastspiel 2007 beim Tanz im August, bei ihrem dunklen Black-Metal-Horror-Trip "Kindertotenlieder", in dem sie Tod und Erotik verbunden hat, gelingen ihr auch hier starke Bilder, ein Spannungsbogen über fast 100 Minuten, gelingt es, Sehnsüchte, Begehren und Rausch und ein dichtes Geflecht von Beziehungen und Gefühlen in dieser sehr ritualhaften Choreografie in Szene zu setzen.

Ein Bild von Einsamkeit und Allein-Sein

Die Sehnsucht nach Selbstauflösung in Musik und Tanz, die Sehnsucht, sich als Einzelner zu genießen und doch im Gruppenerlebnis aufzugehen, die Suche nach physischen und psychischen Grenzerfahrungen und die Suche nach anderen Lebensmöglichkeiten – all das endet bei ihr mit einem einsamen jungen Mann, noch immer gefangen in Rausch und Verzückung, aber allein mit sich, nur beobachtet von einem anderen. Mit einem Bild vom Selbstgenuss als Alleinsein endet diese hervorragende Choreografie.

Frank Schmid, kulturradio

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