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Akademie der Künste - "Performing Trauma"

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Wie können Gewalterfahrungen und Traumatisierungen im Tanz ausgedrückt werden? Wie kann der Tanz vielleicht dabei helfen, Traumatisierungen zu überwinden oder gar zu heilen? Das waren die Fragen von Nora Amin, Choreografin, Regisseurin, Schriftstellerin aus Ägypten für ihre Valeska-Gert-Gastprofessur in Berlin.

In den letzten Monaten hat sie gemeinsam mit Studierenden der Tanzwissenschaften an der Freien Universität Berlin die Performance "Performing Trauma" entwickelt. Gestern Abend wurde sie in der Akademie der Künste gezeigt.

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Re-Inszenierung in Beton-Kathedrale

Eine Performance als eine Art Re-Inszenierung der Auswirkungen traumatischer Erlebnisse und als ein gemeinsamer Erfahrungsraum für Zuschauer und Performer. Nora Amin selbst führt die Zuschauer in der Akademie am Pariser Platz tief hinab in den Keller, in die Blackbox, die Beton-Kathedrale. Wände und Böden aus nacktem Beton – der passende Raum für diese Performance, bei der sich die Zuschauer frei bewegen können und es doch kaum tun.

Für die 18 Studierenden, darunter nur ein Mann, dürften die letzten Wochen mit Nora Amin eine äußerst intensive Erfahrung gewesen sein. In ihren vom Band eingespielten Texten ist von Schmerz, Trauer, Wut, Hilflosigkeit, Überforderung, sogar körperlichen Reaktionen und Symptomen zu hören – Reflexionen zu ihrer Arbeit mit Nora Amin, die sich in ihren Performance- und Tanzstücken, in ihren Gedichten, Romanen und Essays seit langem mit Gewalt v.a. gegen Frauen beschäftigt, mit patriarchalischen Gesellschaftsformen in den arabischen Staaten.

Taumeln und Wanken in unsicherem Stand auf unsicherem Boden

Nun sind angehende Tanzwissenschaftlerinnen keine Profitänzerinnen. Und Nora Amin hat in den letzten Monaten offenbar v.a. an einem Nachspüren von Trauma-Erfahrungen gearbeitet, an einer Übertragung in körperlichen Ausdruck. Die werdenden Wissenschaftlerinnen sind in ihre Körper zurückgeworfen, sie wanken und taumeln in unsicherem Stand wie auf unsicherem Boden, sie ringen um ihr Gleichgewicht, erzittern und erbeben, wobei die Erschütterungen immer aus der Körpermitte entstehen und sich in krampfartigen Wellen über den Körper ausbreiten, Oberkörper, Arme, Hände erfassen. Sie rudern und greifen ins Leere, vergeblich Halt suchend.

Sie zeigen Zustände des Kontrollverlustes, wirken wie paralysiert, von inneren Spannungen getrieben, die Gesichter ausdruckslos erstarrt oder in Schmerz versunken.

Gemeinsamer Raum für Performerinnen und Zuschauer

Nora Amin verteilt diese Aktionen klug in der Beton-Kathedrale, mitten unter den Zuschauern, die nur schwer in distanziertes Betrachten ausweichen können sondern direkt konfrontiert sind.

Der gemeinsame Raum für Performer und Zuschauer ist eine der Performance-Techniken, die Nora Amin nutzt, nachdem sie sich von der Tänzerin und Schauspielerin, von der Choreografin und Company- und Theatergründerin, von der Schriftstellerin und Theoretikerin zu einer politischen Aktivistin entwickelt hat, die mit den Mitteln der Kunst Widerstand leisten und Veränderung herbeiführen will, wofür private Tragödien und die Ereignisse des Arabischen Frühlings, v.a. auf dem Tahrir-Platz in Kairo oder ihre Arbeit mit Frauen im Sudan, die Opfer des Bürgerkrieges geworden sind, mitverantwortlich waren.

Beschränkung, formale Reduktion - Hoffnungsschimmer

Derartige Darstellungen von Gewalt-Erlebnissen und den körperlichen Reaktionen darauf können leicht ins Klischeehafte abdriften. Nora Amin vermeidet jedoch überdeutliche expressive Darstellungen und sie, die oft mit Laien arbeitet, begegnet dem Mangel an Bewegungsqualitäten ihrer Performerinnen mit Beschränkung auf karge Mimik und wenige, schlichte Bewegungsformen, mit formaler Reduktion und mit Spannungsbögen, die von sanftem, allmählichem Aufbau und Entfaltung der Bewegung in dramatische Steigerung und in erschöpften Stillstand führen.

Am Ende stehen die Performerinnen eng beieinander im Rechteck, treiben sich mit Atemstößen und streng ritualisierten Bewegungen, bei denen sie sich zusammenkrümmen und wieder aufrichten wie in Trancezustände.

In der Gemeinschaft, im gemeinsamen Erfahren und Ausdrücken von Gewalt und Trauma zeigt sich ein Hoffnungsschimmer auf Überwindung des Erlebten und auf Heilung.

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Beklemmende Wirkung und die Valeska-Gert-Gastprofessuren

Dieser Abend wirkt ganz offensichtlich bei vielen Zuschauern durchaus beklemmend. Es hat am Ende lange gedauert, bis sich die Zuschauer haben lösen, haben durchatmen können. Diese Präsentationen der Valeska-Gert-Gastprofessoren in der Akademie der Künste haben nun schon eine schöne lange Tradition, immerhin war dies bereits die 22. Präsentation der Arbeiten von Valeska-Gert-Gastprofessoren, einer hervorragenden Einrichtung der Theaterwissenschaften der Freien Universität, des Akademischen Austauschdienstes und der Akademie der Künste.

Die Liste der bisherigen Gastprofessoren ist beeindruckend, es waren immer bedeutende Künstlerinnen und Künstler, die mit den Studierenden in die konkrete Körperarbeit gegangen sind. Diese Präsentation von Nora Amin gehört ohne Zweifel zu den eindringlichsten Arbeiten.

Frank Schmid, kulturradio

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