Eric Jurenas (Countertenor), Daniel Barenboim (Klavier) und Yulia Deyneka (Viola); © Peter Adamik
Peter Adamik
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Pierre Boulez Saal - Boulez Ensemble & Daniel Barenboim

Bewertung:

Aribert Reimann beglückt mit einem neuen Liederzyklus, Daniel Barenboim beendet seinen Beethoven-Klaviertrio-Zyklus, und zwei junge Streicher zeigen, dass Kammermusik nichts mit Kuschelecke zu tun haben muss. Ein großer Abend.

Es passt alles zusammen: Daniel Barenboim beauftragte ein neues Werk von Aribert Reimann, passend zum Pierre Boulez Saal, zur Barenboim-Said-Akademie und zum West Eastern Divan Orchestra, das dort seine Heimstatt hat. Was liegt da näher, als Lieder nach Gedichten aus Johann Wolfgang von Goethes "West-östlichem Divan" zu nehmen.

Diese Gedichte sind schon oft vertont worden, aber Aribert Reimann wählte einige der von Goethe als Fragment nicht veröffentlichten Texte aus. Der Titel dieses Zyklus' speist sich aus einem dieser Fragmente, in dem es heißt:

"Sinnig zwischen beyden Welten
Sich zu wiegen lass ich gelten."

Statt das Trennende zwischen Kulturen und Religionen zu sehen, wie es heute zu oft in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, steht hier das Verbindende im Mittelpunkt – eine durchaus aktuelle politische Botschaft.

Countertenor und Bratsche

Die Musik von Aribert Reimann erkennt man nach fünf Sekunden. Reimann kann einfach nicht anders, als von der Melodie aus zu denken. Und so lag es nahe, diese Lieder nicht nur mit Klavier anzulegen, sondern mit einem weiteren Melodieträger, diesmal: der Bratsche. Und man weiß nicht, wer da intensiver singt.

Hinzu kommt, dass, wie immer bei Aribert Reimann, alles von einem Ausdrucksfuror durchdrungen ist. In jeder Silbe geht es um Leben und Tod. Der Countertenor – auch er steht gewissermaßen zwischen "beyden Welten" – hat Figuren und Koloraturen voller Intensität zu bewältigen (be-welt-igen?!). Das kann man als Anspielung auf orientalischen Gesang deuten – nur komponiert Aribert Reimann eigentlich immer so. Hier: drei verbundene Stimmen.

Geniale Handgelenksübung

Das Publikum bekam den Luxus einer Wiederholung geboten. So konnte man feststellen, wie sehr Aribert Reimann sein jüngstes Werk für alle drei Solisten geschrieben hat. Der Countertenor Eric Jurenas – in Berlin von der Komischen Oper bekannt – warf sich in seinen Part mit schneidender Dichte. Wenn vom weinenden Himmel die Rede ist, schluchzt er so erschütternd, dass man es kaum erträgt. Yulia Deyneka, Solo-Bratscherin der Staatskapelle, hat den schönsten Part, voller Tiefe und Dichte, die Wärme ihres Instruments kommt voll zur Geltung.

Für Daniel Barenboim hat Aribert Reimann einen Klavierpart komponiert, der darauf Rücksicht nimmt, dass Barenboim ein vielbeschäftigter Künstler ist. Technisch eher wenig anspruchsvoll, stimmt die Bandbreite von aphoristischem Grummeln in der Tiefe bis zu glockenhellen Clustern im Diskant. Aribert Reimann weiß, wie man für seine Interpreten schreibt. In Sachen Lied macht ihm ohnehin niemand etwas vor. Eine geniale Handgelenksübung.

Drei Persönlichkeiten

Sämtliche Klaviertrios von Ludwig van Beethoven hat in dieser Spielzeit Daniel Barenboim zusammen mit seinem Sohn, dem Geiger Michael Barenboim und dem Cellisten Kian Soltani aufgeführt. Zum Abschluss gab es das selten gespielte Es-Dur-Trio aus op. 70. Und hier traf jahrzehntelange musikalische Lebenserfahrung auf hochbegabte Jugend. Daniel Barenboim hat den Überblick. Er weiß in jeder Situation, was zu tun ist. Da ist es gar nicht schlimm, wenn er – wie so oft – manches ziemlich herunterschludert. Mit seiner Präsenz, Autorität und seinem dichten Anschlag ist er der ruhende Pol.

Daneben Michael Barenboim. Natürlich kann man die Frage stellen, ob er sich von seinem Vater so featuren lassen muss. Aber er ist wirklich ein Riesentalent, wirkt unglaublich introviertiert, spielt aber so die schönsten Melodien. Daneben der extrovertiertere Kian Soltani, der mit seinem Cellopart gerne auch mal die Initiative ergreift. Das ist alles beste Kammermusik: keine Einheitssoße, sondern herausfordernd, und es ist ein Vergnügen, diese drei Persönlichkeiten zu erleben.

Raus aus der Kuschelecke

Da ist die Duosonate von Maurice Ravel für Michael Barenboim und Kian Soltani das gefundene Fressen: frech und lakonisch, ein Blick weit in die Zukunft – und eine Neudefinition von Kammermusik: nicht die Frage, wie man am besten zusammenspielt, sondern eher: Jeder macht sein Ding – und überraschend passt es übereinander.

Der Beginn ist fast eine Unverschämtheit: Jeder scheint vor sich hinzuspielen, alles andere scheint egal zu sein, beide scheinen voneinander keine Notiz zu nehmen. Aber das funktioniert eben nur, wenn zwei so sehr aufeinander eingespielt sind. Zwei junge Wilde, die die Kammermusik aus der vermufften Kuschelecke herausholen. Kian Soltani will immer noch eine Idee schärfer seine Pointen setzen, Michael Barenboim lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Diesen Ravel hat man selten mit so viel Vergnügen gehört – mit zwei wirklichen Riesentalenten, soviel steht fest.

Andreas Göbel, kulturradio

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