Galli Theater Berlin "Der Sommerwachtraum"; © Marion Martinez
Marion Martinez
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Galli Theater Berlin - "Der Sommerwachtraum"

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Im Juli und August, wenn die Stadt- und Staatstheater in die Sommerpause gehen, beginnt am Galli Theater die Zeit der Open-Air-Spiele. Bei nicht ganz optimalen Temperaturen hatte dort nun die Liebesromanze "Der Sommerwachtraum" Premiere. Die kleinen Schauer konnten nicht vom Spiel unter freiem Himmel abhalten – problematischer war das parallel laufende WM-Halbfinale.

Statt der 200 Stühle, die vor der kleinen Bühne in den Heckmannhöfen auf der Oranienburger Straße Platz haben, waren für diesen Abend nur gut 30 bereitgestellt und besetzt. Auf dem schönen Platz unter den Platanen im Hof sitzt man herrlich – allerdings ist dort auch ein italienisches Restaurant situiert, auf dessen Außenplätzen lautstark Fußball geschaut und Geburtstag gefeiert wurde.

Eine schwere Kraftprobe für die Stimmen der vier Spieler auf der Theaterbühne. Doch das Galli Theater, sagte die Leiterin Marion Martinez bei ihrer Begrüßungsrede, möchte Marktplatztheater für jedermann sein – da muss man mit viel Trubel leben können.

Galli Theater: Trainingscenter für Unternehmen

Das freie Berliner Galli Theater wurde von Johannes Gallis Schülern gegründet – ein Clown, Schauspieler, Autor, der sein erstes Theater in den 1980er Jahren in Freiburg eröffnet hat. Ableger werden heute wie Franchise-Unternehmen von Schülern etwa in Frankfurt, München, Weimar geführt, aber auch in New York und Berlin.

Die Schauspieler und Kommunikationstrainer, die hier arbeiten, wurden nach der "Galli-Methode" ausgebildet – weniger Kunstform als eine Coaching-Art. Das Spiel ist dabei Mittel, um Konflikte zu lösen oder seine Persönlichkeit auszubilden. Die Theater dienen zwar auch als Spielstätten, es gibt einen Abendspielplan und Inszenierungen für Kinder. Doch vor allem sind sie Trainingscenter für Unternehmen, um Mitarbeiter spielerisch zu schulen. Man probiert Rollen aus, soll verborgene Potentiale entdecken.

Sprachlich überholt

Den "Sommerwachtraum" hat Johannes Galli selbst geschrieben. Mit Shakespeares "Sommernachtstraum" hat das Stück, bis auf die Liebesverwirrungen hier wie dort, nichts zu tun. Alle Texte, die an diesen Theatern gespielt werden, stammen von Galli, er soll rund 1800 Stücke geschrieben haben, sagt Martinez. Dieses enorme Pensum ist wohl nur deshalb möglich, weil Galli (zumindest im "Sommerwachtraum") kaum mehr als Skizzen entwirft, schnell erstellte Klischee-Plots, Gebrauchsdramatik, die im Falle des "Sommerwachtraums" (die Uraufführung war 1989) heute allein schon sprachlich überholt wirkt.

Hauptfigur ist die einfache Gabi, von der man kaum mehr erfährt, als dass sie sich jeden Sommer einen Urlaubsflirt anlacht und dann enttäuscht wird. Dieses Jahr ist sie es eigentlich leid, fährt dann aber doch kurz entschlossen nach Italien – am Strand trifft sie auf den leidenschaftlichen Luigi, den intellektuellen Albert und den gefühlvollen Jojo. Für wen wird sich Gabi entscheiden: für den Mann mit Körper, Herz oder Verstand? Das ist die große Frage.

Gestrige Seifenoper-Figuren

Martinez hatte den Abend mit den Worten eröffnet: "Möge das Spiel beginnen und Sie im Herzen erreichen." Wäre das passiert, müsste man jede Kritik am allzu flachen Text hintanstellen. Doch gestrige Seifenoper-Figuren dieser Art können ein Herz kaum bewegen: Ein bräsiger Professor, ein sexistischer Italiener und ein selbstverliebter Musiker versuchen mit billigen Tricks, eine ziemlich doofe Tussi ins Bett zu kriegen – das ist alles andere als interessant.

Zuhause hatte Gabi am Anfang noch von ihren früheren Flirts geschwärmt: dem schlitzäugigen Asiaten, dem jodelnden Schweizer, dem Wiener Kaffeehaus-Xaver. Später träumt Luigi dann davon, Gabi, sein "deutsches Fräulein", vor den grapschenden dunklen Männern zu beschützen. Als die (selbstverständlich!) modeverliebte Gabi mit Kleidern, die der Italiener ihr besorgt hat, in der Umkleidekabine verschwindet, singt der Musiker: "In der Kabine sitzt ne flotte Biene". Das ist so in etwa das Niveau des Abends.

Unfreiwillige Ironie

Auch auf der Bühne scheint die Zeit stehengeblieben: Der Musiker trägt rosa Latzhose (!), der Italiener Hawaiihemd, der Professor braun-kariertes Oberhemd. Niemand darunter, bei dem Frau schwach werden könnte.

Gabi dagegen spricht so affektiert eine Oktave zu hoch, dass man gar nicht in die Versuchung kommt, sie ernst zu nehmen. Bei aller unfreiwilligen Ironie: Die Figuren und ihre Sprache sind durchaus ernst gemeint, trotz komödiantischem Ton. Unübersehbar, dass hier nicht nur gelernte Spieler am Werk sind.

Man kann sogar den Eindruck gewinnen, es sei ohne Regisseur geprobt worden – auch, weil weder online noch im Programmflyer eine Regie genannt wird. Doch tatsächlich ist es Rainer Eckhardt, der die Inszenierung verantwortet. 

Zu wenig

Für ein Berliner Theater, auch ein kleines, freies, ist das bei der starken Konkurrenz allerorts schlicht zu wenig. Wenn schon Sommertheater, dann doch lieber große Unterhaltung bei der Shakespeare-Company oder im Monbijou-Theater ein paar Hundert Meter weiter.

Barbara Behrendt, kulturradio

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