Gilberto Gil & Amigos, mit Mayra Andrade, Domenico Lancellotti u. v. a.; © Paola Alfamor
Paola Alfamor
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Haus der Kulturen der Welt - Gilberto Gil & Amigos

Bewertung:

Die brasilianische Musiklegende Gilberto Gil gibt zum 40-jährigen Jubiläum des Albums "Refavela" ein ausverkauftes Konzert im Haus der Kulturen der Welt und bringt mit großer Besetzung Brasilien-Gefühl nach Berlin.

76 Jahre ist er alt und immer noch ein großer Musiker: Gilberto Gil ist auf einer ausgedehnten Tour, um sein legendäres Album "Refavela" zu re-inszenieren. Mit dabei sind 12 weitere Musiker, darunter die junge, tolle Sängerin Maya Andrade von den kapverdischen Inseln und der herausragende Akkordeon-Spieler und Sänger Mestrinho. Sein Sohn Bem Gil ist als Gitarrist mit in der Band, sowie eine Tochter, Schwiegertochter und eine Enkelin als Backgroundsängerinnen.

Bossa Nova trifft Pop und Rock

Gilberto Gil ist einer der ganz großen Stars in einem Land, in dem Musik eine enorm wichtige Rolle spielt. Damals, in den 1960er Jahren hat er gemeinsam mit  Caetano Veloso die Tropicália-Bewegung begründet, auch bekannt als Tropicalismo. Bis dahin hatte die brasilianische traditionelle Musik, Bossa Nova und Samba aus Rio de Janeiro oder Forró aus dem Norden wenig Berührung mit westlicher Musik. Gilberto Gil und Caetano Veloso haben diese Stile zusammengebracht mit Pop und Beat, später auch Rock, und so ist ein ganz neuer Musikstil entstanden, die Musica Popular Brasileira, die dann auch die Welt erobert hat.

Seit gut 55 Jahren macht Gilberto Gil Musik. Der Sohn eines Arztes und einer Lehrerin hat schon als Jugendlicher angefangen zu musizieren, hat mehr als 50 Schallplatten herausgebracht und viele Orden und Preise gewonnen, darunter auch zwei Grammys.

"Refavela 40" – afrikanische Einflüsse

Das Album "Refavela", dem das Konzert und die Tournee gewidmet sind, ist 1977 erschienen, nachdem Gilberto Gil zum ersten Mal in Afrika war, in Nigeria. Er experimentiert hier mit afrikanischen Rhythmen, den musikalischen Einflüssen aus Afrika und auch der Karibik wie Afrobeat, Reggae und Funk. In den Texten geht es immer wieder um das Leben in den Favelas, den brasilianischen Slums, die hauptsächlich von schwarzen Brasilianern bewohnt sind, um Armut, aber auch um schwarzen Stolz und Selbstbewusstsein! Auch was das betrifft, ist Gilberto Gil ein wichtiger Protagonist. Und war das von Anfang seiner Karriere an.

Fünf Jahre lang Kulturminister Brasiliens

1969 wurden Gilberto Gil und Caetano Veloso wegen ihrer revolutionären Texte und Aktionen von der damaligen Militärregierung ins Exil geschickt. Die beiden waren drei Jahre in London, bevor sie zurück konnten. Gilberto Gil hat sich immer politisch engagiert, auch für den Umweltschutz, für die Menschenrechte, für die Demokratie, und ist damit immer wieder angeeckt.

Als der linke Politiker Lula da Silva 2002 Präsident wurde, hat er Gilberto Gil als Kulturminister gewinnen können, ein Kulturminister, der sich aber immer Zeit ausbedungen hat, um als Musiker auftreten zu können. Es gab allerdings auch Kritik an Gilberto Gils Amtsführung als Kulturminister: Es wurde ihm vorgeworfen, er habe seine Funktion auch für private Interessen und Geschäfte benutzt. Jedenfalls hat er dann 2008, nach fünf Jahren, das Handtuch geworfen und sich wieder ganz der Musik gewidmet.

Brasilianische Atmosphäre an der Spree

Das Berliner Konzert ist ausverkauft. Vor der Bühne herrscht dichtes Gedränge, viele Berliner Brasilianer sind im Publikum, die die Texte lautstark mitsingen. Dementsprechend enthusiastisch ist die Stimmung. Gilberto Gils Stimme hat zwar nicht mehr so viel Timbre wie früher, aber dadurch, dass er so viele andere Musiker mitgebracht hat und diese auch Raum für Solonummern haben, oder im Duett mit ihm singen, ist das Konzert sehr abwechslungsreich.

Drei Zugaben gibt es am Ende, um zehn ist Schluss und das ist immer so auf der Dachterrasse vom Haus der Kulturen der Welt, länger dürfen die Konzerte aus Lärmschutzgründen nicht gehen. Aber es ist ein wunderbarer Ort für Konzerte, eine große Terrasse mit Blick auf die Spree , die Bühne unter der geschwungenen Kuppel der "Schwangeren Auster", und die wird dann, wenn es dunkel geworden ist, auch noch in verschiedenen Farben angestrahlt. Ein wundervoller brasilianischer Abend in Berlin, nur leider zu kurz.

Andrea Handels, kulturradio

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