Tugan Sokhiev © Kirill Kallinikov/Sputnik/dpa
Kirill Kallinikov/Sputnik/dpa
Bild: Kirill Kallinikov/Sputnik/dpa

Philharmonie Berlin - DSO Berlin unter Tugan Sokhiev

Bewertung:

Bis 2016 war Tugan Sokhiev Chefdirigent und künstlerischer Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters. Gestern Abend dirigierte er das DSO in der Berliner Philharmonie. Mit dabei war die gefragte lettische Violinistin Baiba Skride.

Der Vergleich des früheren Chefs mit dem heutigen ist frappierend. Wo Robin Ticciati auf Transparenz und Fluss, auf organisches Wachsen setzt, setzt Tugan Sokhiev auf krasse Effekte und die Wirkung des Augenblicks und interessiert sich weniger für das Woher und Wohin. Böhmens Hain und Flur arbeitete mit stärksten Kontrasten, aber die raffinierte Fuge war vor allem zu Beginn in feinstem Weben beeindruckend, verlor dann aber etwas an Stringenz.

Baiba Skride © Marco Borggreve
Bild: Marco Borggreve

Virtuoses Finale

Baiba Skridde ist eine Geigerin, die sehr konzentriert nach innen horcht. Etwas mehr Erzählung und Überzeugungskraft hätte man sich im ersten Satz des 2. Prokofiev Konzertes gewünscht. Da war wieder die Frage nach dem Bezug der heterogenen Teile untereinander, sie blieb unbeantwortet. Dann aber im Mittelsatz entsandt jener feine Dialog und das Wachsen aus einer ganz einfachen Melodie, welche die Faszination dieses Werkes ausmachen. Das virtuose Finale war dann gemeinsamer Überschwang. Die Stravinsky-Zugabe dann wieder sehr konzentriert innerlich. Warum nur werden Zugaben nicht mehr angesagt?

Ein musikalisches Liebesversprechen

Tschaikowskis 5. Sinfonie könnte man auch als psychologischen Krimi gestalten. Tugan Sopkhiev kostet mehr die Orchesterwirkungen aus, spannt in der sehr langsamen Einleitung einen intensiven Bogen. Auch der Walzer ist nicht träumerisch sondern sehr irdisch.

Im langsamen Satz jedoch ereignet sich jenes Geheimnis des Musizierens, auf das man in jedem Konzert wartet. Wie bewegend das traurige Hornsolo, wie rührend die Klarinettenantwort mit dem Versuch der Zweisamkeit, wie befreiend die Cellomelodie, angeführt von einem sehr beeindruckenden Gast als Solocellisten.

Das etwas zu eindeutig positiv und brillant gestaltete Finale blende ich jetzt mal aus, um die Erinnerung an ein musikalisches Liebesversprechen mit in den Sommer zu nehmen.

Clemens Goldberg, kulturradio

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