Apollosaal der Staatsoper Berlin
Marcus Ebener
Bild: Marcus Ebener

Staatsoper Unter den Linden Berlin - Festival Infektion! Kammerkonzert I

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Krankheitsbedingt keine Aufführung von "Mantra", dafür ein anderes Werk von Karlheinz Stockhausen: "Hymnen". Und die Erkenntnis, dass Stockhausen der Vater der Remix-Bewegung ist.

Klassiker kann man leicht ersetzen – aber wenn jemand für das Stück "Mantra" von Karlheinz Stockhausen kurzfristig krank wird, hat man ein Problem. Und so musste die Staatsoper, um den Abend überhaupt zu retten, mit dem ohnehin beteiligten Klangregisseur Sébastien Alazet nach Ersatz suchen, und so gab es das rein elektroakustische Werk "Hymnen".

Zu sehen gab es also gar nichts. Im Apollosaal der Staatsoper war noch zu sehen, wie es ursprünglich hätte sein sollen: zwei Flügel vorne. Daneben Schautafeln einer Ausstellung über den italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino, dessen neue Oper im Rahmen des Festivals Berlin-Premiere hat. Platz nehmen konnte man entweder auf einem der fünfzig im Kreis aufgestellten Stühle oder auf Matten.

Einige haben es sich richtig gemütlich gemacht, auf die Matten gesetzt oder gelegt, Schuhe aus, und auf Socken zum Tresen, um sich etwas zu trinken zu holen. Im Zentrum saß nur der Klangregisseur mit kleiner Ausstattung: Rechner, Monitor, Schaltpult.

Rokoko in Türkis

Etwa ein Dutzend Lautsprecher war vorne, hinten und an der Seite aufgestellt. Man selbst saß, von diesen Klängen eingefangen, mittendrin. Dazu ein Halbdunkel, die Kronleuchter des Saales türkis angestrahlt. Ein gewöhnungsbedürftiger Kontrast: der historisierend rokokoartig restaurierte Saal pseudo-futuristisch beleuchtet. Dann aber hat sich optisch gar nichts mehr ereignet.

Daran hat man sich allerdings sehr schnell gewöhnt, seine richtige Sitzhaltung gefunden, um der Sache konzentriert zu lauschen. Jeder im Publikum hat sich hingesetzt, gefläzt oder auf den Bauch gelegt. Einige Besucher waren, ihrer Unterhaltung zu entnehmen, extra wegen dieses Stückes gekommen und saßen dann die knapp zwei pausenlosen Stunden kerzengrade auf ihren unbequemen Stühlen.

Keine Collage

Karlheinz Stockhausen hat sich für seine elektroakustische Arbeit "Hymnen", besetzt für "elektronische und konkrete Musik", tatsächlich Hymnen vorgenommen, rund vierzig Nationalhymnen, ergänzt unter anderem, und das deutlich zu hören, durch die "Internationale". Das ist das Material für dieses akustische Gesamtkunstwerk.

Diese Hymnen hat Stockhausen gewissermaßen auseinandergenommen. Er selbst hat immer Wert darauf gelegt, dass sein Werk keine Collage ist. Es ist auch in der Tat eine Neukomposition. Die Idee dahinter: Wo man bekanntes Material nimmt, stellt sich die Frage nicht so sehr nach dem Was – das kennt man ja – sondern nach dem Wie und dem, was daraus entsteht.

Radio von damals

Karlheinz Stockhausen hat selbst sehr klar formuliert, wie er mit seinem Material umgegangen ist. Die Hymnen hat er miteinander kombiniert, von der einen die Rhythmik, von den anderen die Harmonik, die Lautstärkekurve etc. Dazu kommt noch ergänzendes akustisches Material: Sprachfetzen, Aufzeichnungen von Massenveranstaltungen usw.

Manchmal klingt es nach uraltem Radio. Man fühlt sich an Zeiten erinnert, als man über Mittel- oder Kurzwelle Sender gesucht hat, am Rädchen gedreht hat, in der Hoffnung, dass man es irgendwie klanglich scharf oder wenigstens verstehbar bekommt. Dazu nimmt Stockhausen auch rein elektronische Klänge. Das ist dieses typisch metallene Klirren.

Der Remix-Urvater

Sicher hat das heute einen ziemlichen Retro-Charme. Dabei muss man jedoch immer mitdenken, dass diese Musik über ein halbes Jahrhundert alt ist. Damals, Ende der Sechzigerjahre, war das die absolute Avantgarde. Karlheinz Stockhausen war ein, wenn nicht in Deutschland der Pionier der elektronischen Musik in seinem Studio in Köln.

Heute, wo jeder an seinem Computer mit Leichtigkeit Material bearbeiten kann und es im so sehr angesagten Remix-Verfahren bearbeitet und kombiniert, kann man natürlich darüber lächeln, wenn man in die Steinzeit der Elektronik blickt. So klingt es auch, streng gesagt. Trotzdem muss man, und das hat dieser Abend immerhin gebracht, konstatieren: Karlheinz Stockhausen hat der Neuen Musik viele Impulse gebracht, und so darf man ihn auch als Urvater des Remix-Verfahrens bezeichnen. Ob ihm das so gefallen hätte, bleibe dahingestellt.

Andreas Göbel, kulturradio

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