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Gordon Welters
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Staatsoper Unter den Linden Berlin - Festival Infektion! Kammerkonzert II

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Zwei der wichtigsten Werke für Schlagzeug aus dem 20. Jahrhundert stammen von dem griechischen Komponisten Iannis Xenakis. Und dessen Musik lässt auch heute, 17 Jahre nach seinem Tod, nicht kalt. Gewaltige Eruptionen, nichts für schwache Nerven.

Iannis Xenakis und das Schlagzeug – das ist eine enge Verbindung. Dabei wundert es kaum, dass bis heute gerade seine beiden Stücke für Schlagzeug solo, "Psappha" und "Rebonds A & B" trotz ihrer gigantischen Schwierigkeiten längst zum Standardrepertoire zählen. Schlagzeug ist oft extrem rhythmisch dominiert, und Rhythmus ist auch immer Mathematik.

Xenakis hat zunächst als Architekt gearbeitet, war lange Jahre Assistent von Le Corbusier. Erst nach und nach hat die Musik dann die Oberhand in seinem Schaffen gewonnen. Aber das heißt, dass sich Xenakis mit mathematischen Verfahrensweisen hervorragend auskannte. Und das hört man seiner Musik an: rhythmisch komplex – aber trotzdem erstaunlich eingängig.

Nichts für schwache Nerven

Dabei beschränkt sich Xenakis auf relativ wenige Schlaginstrumente. Meist sind es verschiedene Arten von Trommeln in unterschiedlicher Höhe, dazu Holzblöcke. Das verleiht der Musik etwas Archaisches, besonders im frühen der beiden Solostücke, "Psappha". Auch dieses Werk ist aus mathematischen Berechnungen entstanden. Aber das ist nicht das eigentlich Auffällige.

Wenn der Schlagzeuger plötzlich eine Vierteldrehung vollführt und auf eine tiefe Trommel donnert, ist das ein brutaler Schlag, danach Pause. Aber hier hört man etliche Sekunden diesen Knall nachklingen. Und so wechselt das Stück zwischen Bewegung und Stille. Die Lautstärke ist bemerkenswert. Das ist nicht weit von einem Schießstand entfernt. Nichts für schwache Nerven.

Körperbeherrschung und Durchdringung

Der griechische Schlagzeuger Alexandros Giovanos gehört zu den führenden Vertretern seines Instruments im Bereich der zeitgenössischen Musik. Warum das so ist, konnte man vor allem in diesen beiden Solostücken von Iannis Xenakis erfahren. Einige Stellen sind in diesem Tempo fast nicht mehr zu spielen. Eigentlich hätte er mehrere Knoten in seinen Armen haben müssen. Aber er hat das mit einer scheinbaren Lässigkeit gespielt, die dazu geführt hat, dass nie ein Grundpuls verloren ging, gefüllt mit einander überlagernden Rhythmen.

Es ist schon eine Kunst, die Schlaginstrumente so präzise zu treffen. Noch mehr jedoch, die verschiedenen Ebenen auch dynamisch auseinander zu halten, so dass eben nicht alles nur Gedonner ist. Und dazu muss man diese Musik so verstanden haben wie Alexandros Giovanos, und man wusste nicht, was man an ihm mehr bewundern sollte: seine Körperbeherrschung oder seine musikalische Durchdringung.

Schlagzeug plus verstärktes Cembalo

Xenakis' Stück "Komboï" verlangt zusätzlich zum Schlagzeug auch noch ein verstärktes Cembalo – oder die Verstärkung wäre es zu leise.Auch hier freut sich der Mathematiker, aber faszinierender ist eher das Spiel mit Klängen, wenn sich Cembalo und Schlagzeug so vermischen, dass man überlegt, was woher kommt. Beide Instrumente sind verknotet, das erklärt den Titel.

Dennoch scheint mitunter ein ganz eigener Humor durch: Wenn das Cembalo unglaublich virtuose Skalen zu spielen hat und der Schlagzeuger am Vibraphon mit einem einzigen Ton antwortet, klingt das nach elektronischer Ladenglocke. Und so komplex und an der Grenze der Spielbarkeit der Cembalopart angelegt ist, den Ermis Theodorakis furchtlos herunterknattert, so einfach klingt er doch, wenn man sich erst einmal eingehört hat.

Herausforderung

Mit "Kassandra" hat Iannis Xenakis seiner "Orestie"-Oper eine Szene hinzukomponiert. Das ist Musiktheater – und ein Duett.  Für einen Sänger wohlgemerkt. Kassandra und Agamemnon treten hier in einen Dialog, und damit man das auch merkt, wechselt der Bariton zwischen seiner natürlichen und einer Falsett-Stimme. Doch damit nicht genug: Der Sänger trägt auch ein Psalterium auf dem Arm, eine Leier, auf der er immer wieder Saiten anreißt. Martin Gerke durchlebt diese Szene richtiggehend: ein Sprechgesang mit gellender Stimme, ein Deklamieren, Jammern, Stöhnen, Jaulen oder Gackern. Und das alles zur donnernden Schlagzeugbegleitung, dass man so richtig durchgeschüttelt wird.

Der Musik von Iannis Xenakis, das hat dieser Abend gezeigt, muss man sich stellen. Sie fordert dazu heraus, sie entweder komplett abzulehnen – bei manchen schrillen Stellen haben sich einige sogar die Ohren zugehalten – oder sich mitreißen zu lassen, die Klänge an sich heranzulassen. Das so zu vermitteln, ist den drei beteiligten Interpreten hervorragend gelungen, allen voran der Schlagzeuger Alexandros Giovanos, der mit der Musik gewissermaßen Eins geworden ist.

Andreas Göbel, kulturradio

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