Staatsoper Unter den Linden | Portikus © Christian von Steffelin
Christian von Steffelin
Bild: Christian von Steffelin Download (mp3, 4 MB)

Staatsoper Unter den Linden Berlin - Festival Infektion! Kammerkonzert III

Bewertung:

Zum letzten Mal an der Staatsoper: "Infektion!" Im letzten Kammerkonzert trafen Hauskomponist Salvatore Sciarrino und Wolfgang Rihm aufeinander. Keine schlechten Stücke – aber leider über weite Strecken ungenügend realisiert.

Noch einmal Salvatore Sciarrino. Ihm ist man bei "Infektion!" irgendwie fast ständig begegnet – mit immerhin sechs Musiktheater-Aufführungen in den letzten Jahren. Klar, er ist ein guter Freund des ehemaligen Staatsopern-Intendanten Jürgen Flimm. Aber eben auch ein wichtiger Komponist der Gegenwart.

Diesmal hatte vor einer guten Woche seine neue Oper Berlin-Premiere, und warum soll man da nicht auch zwei seiner Kammermusikwerke präsentieren. Sciarrinos achtes Streichquartett – das klingt nach viel, aber die ersten sechs Quartette sind vor längerer Zeit geschriebene Miniaturen. Seine acht Streichquartette gehen locker auf eine CD.

Sciarrinos achtes Streichquartett

Es ist eigentlich egal, ob Salvatore Sciarrino Opern oder Instrumentalmusik schreibt – immer gibt es bei ihm diese nervösen, aufgeregten winzigen Motive. Eine gefühlte Ewigkeit passiert fast nichts, und dann huscht rasend schnell und flüchtig etwas vorbei. Zudem ist das achte Streichquartett raffiniert erdacht – weil fast nie alle vier Instrumente zusammen spielen.

Hier wurde es vom Miranda Quartett gespielt. Über diese Formation findet man fast gar nichts, überhaupt nichts auf dem Programmzettel, und wenn man im Internet sucht, stößt man auf einige Auftritte, aber irgendwie immer in unterschiedlicher Besetzung. Und so klang das auch hier: keine wirklich geschlossene Streichquartett-Formation. Sicher war das alles genau geprobt, man war weitgehend zusammen, aber immer nur Punkt für Punkt. Ständig damit beschäftigt, sich die Einsätze zu geben, schleppte sich das Stück dahin: statt 18 Minuten über 25. Statt nervöser Raffinesse nur Lethargie.

Rihm "Akt und Tag"

Auf diese Weise ist natürlich auch Wolfgang Rihm, ein wirklicher Streichquartett-Meister unserer Tage, nicht zu bewältigen. Mit Angsthasen-Spiel, ob denn auch alle Einsätze klappen, ist seiner Musik nicht Genüge getan. "Akt und Tag" nach einem Gedicht des englischen Dichters William Blake ist ein hoch emotionales Werk.

Der Text von William Blake schildert die Sonne in einem militaristisch brutalen Bild: "in Blut gekleidet" und "gekrönt mit kriegerischen Bränden". Genau das Richtige für die hyperemotionale Sprache Rihms. Nicht für das Streichquartett, aber immerhin für die Sopranistin Olivia Stahn, die sich freisingen konnte und die grausamen Bilder des Textes in zunächst intensive Vokalisen und dann in flackernde Koloraturen gießen konnte.

Bettlaken und Servietten

Und dann noch einmal Salvatore Sciarrino, diesmal "La perfezione di uno spirito sottile": ein Mittelding aus Ritual, Esoterik und Klanginstallation für Gesang, Flöte und Glocken. Eigentlich geschrieben für eine Aufführung unter freiem Himmel. Die Flöte in schrillsten Tönen, brillant ausgeführt von Rebecca Lane, Spezialistin für Neue Musik, der Sopran mit ein paar punktuellen Einwürfen.

Nur konnte sich das im hermetischen Raum der stickigen Neuen Werkstatt überhaupt nicht entfalten. Hinzu kam eine extra für diese Aufführung erstellte Videoinstallation von Uta Neumann. Alles sehr statisch: eine Berglandschaft, ein bewegtes Bettlaken, aufgehängte Servietten. – Eine herzlich langweilige Dreiviertelstunde.

Alte Musik löst Neue Musik ab

Trotzdem: Dass es "Infektion!" als Festival nicht mehr geben wird, ist schade, aber auch nachvollziehbar. Das Festival war ein Kind des ehemaligen Intendanten der Staatsoper Jürgen Flimm, vor allem aber des viel zu früh verstorbenen Leitenden Dramaturgen Jens Schroth; gerade er war ein wirklicher Experte für Neue Musik. Und da fehlt offenbar dem neuen Intendanten Matthias Schulz der Bezug dazu.

Die Neue Musik wird es am Haus weiter geben, u. a. mit zwei großen Premieren in der kommenden Spielzeit. Aber als Festival war es vielleicht doch nicht publikumswirksam genug. Da setzt man, was das betrifft, lieber auf "Barocktage". Als hätte es das am Haus nicht alles schon mal gegeben.

Andreas Göbel, kulturradio

Weitere Rezensionen