Staatsoper Unter den Linden: Ti vedo, ti sento, mi perdo © Matthias Baus
Matthias Baus
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Staatsoper Unter den Linden - "Ti vedo, ti sento, mi perdo"

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1682 wurde der italienische Komponist Alessandro Stradella Opfer eines Gewaltverbrechens. Aus diesem Stoff hat Salvatore Sciarrino eine Oper gemacht. Am Samstag feierte Jürgen Flimms Inszenierung Premiere.  

Regisseur Jürgen Flimm ging bei dieser letzten großen Inszenierung seiner zurückliegenden Ära gleich mehrfach von rechts nach links und von links nach rechts über die Bühne. Hitchcock-Effekt eines Abgedankten? Es geht bei "Ti vedo, ti sento, mi perdo" (zu Deutsch: "Dich sehen, dich fühlen, mich verlieren") um eine Theaterprobe, so dass sich der Regisseur schon blicken lassen darf.

Bei der ironischen Nebenbedeutung "Mich werdet ihr nicht los..." dürfte sich Flimm indes geirrt haben. Schon den 3. Rang hätte man bei dieser Deutschen Erstaufführung nicht einmal öffnen müssen, so mau war’s verkauft. Nach der Pause zählte ich in der 1. Reihe im Parkett immerhin 14 freie Plätze.

Staatsoper Unter den Linden: Ti vedo, ti sento, mi perdo © Matthias Baus
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Eigentlich ist es sympathisch, dass die Staatsoper während der Flimm-Jahre weite Teile des Oeuvres von Salvatore Sciarrino erkundet hat. Der 71-Jährige ist nach wie vor gut im Geschäft; bei dieser Inszenierung handelt es sich um eine Co-Produktion mit der Mailänder Scala.

Ich würde mir zutrauen, etwaig auftauchende Fragmente von Sciarrinos Schwell-, Stoß- und Seufzgesängen selbsttätig zu ergänzen, so vertraut bin ich mittlerweile mit dem Idiom (und so sehr dreht sich der Komponist in der Schraube seiner eigenen Mittel). Zugleich weiß man, dass sich die Vorliebe Flimms für diesen Komponisten nicht zuletzt der Tatsache verdankt, dass beide in Umbrien ihr Sommerhaus haben. Man kann es, anders gesagt, mit der Nachbarschaftshilfe auch übertreiben.

Auf Sicherheit berechnet

Mit Opernproben, sollte man denken, kennt sich dieser Regisseur aus. Allerdings spielt diese Probe hier im 17. Jahrhundert und dauert geschlagene acht Jahre. Man wartet vergeblich auf das Erscheinen des sagenumwobenen Alessandro Stradella, der eine Zusatzarie für die Sopranistin angekündigt hat. Diese Arie scheint am Ende da zu sein, obwohl der Komponist in Genua einem Mordanschlag zum Opfer gefallen ist. Es handelt sich um eine Art modernes "Capriccio".

Ausgiebig wird über das Wesen und die Reichweite der Musik diskutiert – wenn auch beinahe im Gewand einer Kafka-Parabel. Was Flimm szenisch stiftet, sind hauptsächlich die von ihm geliebten rosa Reifröcke, Allonge-Perücken mit abstehenden Haaren und Hütchen drauf. Und viele süße Ballett-Kinder. Das ist nett, reichlich kunstgewerblich und sehr auf Sicherheit berechnet.

Schade drum!

Ungenehm zu singen ist das beständige Parlandissimo von Sciarrino gewiss. Bei Otto Katzameier (den wir aus Sciarrinos "Macbeth" und aus "Luci mie traditrici" kennen) sowie Laura Aikin und Charles Workman haben wir es indes mit sehr guten, recht prominenten Spezialisten zu tun. Mit der Premiere endet die Geschichte des Festivals "Infektion!" (in der noch ein paar Kammerkonzerte folgen).

Und zwar fast mit dem Eindruck, es handele sich um eine Altlast. Unter dem neuen Intendanten Matthias Schulz soll es das Festival anscheinend nicht mehr geben. Schade drum! Nur hinterlässt diese Produktion den durchaus schalen Nachgeschmack, als hätten sich die Neue Musik-Kräfte an diesem Haus inzwischen auch leicht verbraucht. Aufführungsgeschichte wird man mit dieser Premiere gewiss nicht schreiben.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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