Theaterdiscounter Berlin: Seuche © Vincent Stefan
Vincent Stefan
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Theaterdiscounter Berlin - "Seuche"

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Wie reagieren moderne Gesellschaften auf den Ausbruch einer Seuche? Das fragen sich Giorgi Jamburia und Lars Werner, vom Studiengang Szenisches Schreiben an der Universität der Künste, in ihrem Theaterstück "Seuche".

Wie viel zählen in der Extremsituation noch Solidarität, Freundschaft, Liebe? Das analysierte Albert Camus in seinem Roman "Die Pest", längst Teil der Weltliteratur. Am Berliner Theaterdiscounter verhandeln die Schauspielstudenten der Universität der Künste diese Fragen, basierend auf Camus' Buch, neu: Aus den Proben mit dem Regisseur Fabian Gerhardt haben zwei Studenten vom Fach Szenisches Schreiben ein Stück für die jungen Spieler geschrieben.

Wie viel zählen in der Extremsituation noch Solidarität, Freundschaft, Liebe? Das analysierte Albert Camus in seinem Roman "Die Pest", längst Teil der Weltliteratur. Am Berliner Theaterdiscounter verhandeln die Schauspielstudenten der Universität der Künste diese Fragen, basierend auf Camus' Buch, neu: Aus den Proben mit dem Regisseur Fabian Gerhardt haben zwei Studenten vom Fach Szenisches Schreiben ein Stück für die jungen Spieler geschrieben.

Die titelgebende "Seuche" schlägt hier in die heutige urbane Wohlstandswelt ein. Jedenfalls klingt es so, wenn ein junger Typ rekapituliert, gerade noch mit Ali beim Späti gewesen zu sein, bevor alles außer Kontrolle geriet. In dieser sehr heutigen Sprache wird jedoch fast nichts von der Außenwelt erzählt. Das Stück spielt ausschließlich in einer Quarantäne-Station – zehn Menschen werden gefangen gehalten, ohne jede Ahnung, wie sie dort hingelangt sind. Zwar wissen sie, dass draußen die Seuche wütet – nicht jedoch, ob sie in der Station vor der Krankheit beschützt werden sollen, oder ob sie bereits infiziert und deshalb weggesperrt sind. In ihrem Zimmer findet die eine Gruppe eine Flasche mit Pillen, die andere eine Videokamera. Es scheint also jemanden zu geben, der alles arrangiert hat – doch die Gefangenen bleiben allein, alle Fragen offen.

Dieses Setting hat letztlich kaum mehr etwas mit Camus’ "Pest" zu tun. In dessen philosophischem Roman symbolisiert die Pest den Belagerungszustand im Krieg. Camus schildert sehr genau, wie sich das Empfinden der Menschen über die Dauer dieser Krise verändert. Wie sie Normalität simulieren, langsam durch zu viel Leid abstumpfen, wie die Angst sie mehr und mehr lähmt. Auch die Theodizee-Frage wird gestellt: Kann es einen Gott geben, wenn Tausende Kinder qualvoll verenden?

Die Schauspielstudierenden und die beiden Autoren Giorgi Jamburia und Lars Werner entwerfen eine Szenerie, die mehr an Sartres "Geschlossene Gesellschaft" denken lässt: Man sitzt in der Hölle mit lauter Leuten, die man nicht ausstehen kann, und sucht verzweifelt den Ausgang. Die Fragen lauten: Wer hat uns eingesperrt? Sind wir die Kranken oder die Gesunden? Und: Was ist unsere Aufgabe – was sollen wir mit den Pillen und der Kamera tun?

Die Zuschauer sitzen wie Mitgefangene auf selber Höhe und hautnah um die Spieler herum. Bis auf ein paar Stühle und Leuchtmarkierungen auf dem Boden ist die Spielfläche leer. Daraus entwickelt sich eine Situation, die an die Geschichte in "Herr der Fliegen" erinnert, in der eine Handvoll Kinder auf einer einsamen Insel strandet: Man bildet Grüppchen, spielt die einen gegen die anderen aus. Die Gruppe mit den Pillen spielt Arzt und testet sie an den Mitgefangenen. Die Gruppe mit der Kamera simuliert die Deutungshoheit und spricht Meldungen in Richtung Linse, auf die jedoch kein Gegenüber reagiert.

Die Schauspielstudentinnen und -studenten machen das klasse und, trotz des schlimmen Titels, auch sehr unterhaltsam. Fabian Gerhardt hat sie gut geführt, die Pointen sitzen, das Zusammenspiel klappt einwandfrei. Jeder Spieler hat einen eigenen Typus entwickelt: den coolen Kriminellen, der meint, man überlebe nur, wenn man als Erster zuschlägt; den Moralapostel; den Bürokraten; die aufopferungsvolle Medizinstudentin; die Machtfrau, die über Leichen geht; die empfindsame Hysterikerin. Außerdem einen hochkomischen Außenseiter, der glaubt, er bekäme in diesem "Krankenhaus" schlicht seinen Meniskus operiert. Die Pilleneinnahme endet im Drogenexzess, bei dem sich alle verausgaben dürfen. Doch auch leisere Zwischentöne dringen immer wieder durch.

Junge Schauspieler also, auf die man sich durchaus freuen kann. Was allerdings nicht bedeutet, dass der Abend ganz gelungen wäre. Im Zentrum steht deutlich die Aufgabe, die Spieler zu präsentieren: Jeder bekommt gleich viel Text, jeder darf zeigen, was er kann. Das Stück selbst aber bleibt ohne Klimax – auf zwei Stunden wird das dann recht zäh. Inhaltlich kann der Text nicht überzeugen, dafür ist die Auseinandersetzung mit dem Thema zu oberflächlich: die einen fliehen, die anderen nehmen Drogen, die Dritten sterben in Freundschaft – diese Aufteilung und Deutung gerät dann doch zu banal und flach.

Zudem wird erkennbar, dass die Produktion ohne Dramaturg gearbeitet hat. Nicht, dass Dramaturgen heute am Theater noch viel zu sagen hätten, doch es hat spürbar jemand gefehlt,  der die Geschichte festzurrt, der die dramaturgischen Widersprüche und Leerstellen beseitigt. Da die Autoren allerdings den Text zu verwerten hatten, den ihre Schauspielkollegen mit der Regie entwickelt haben, waren sie wohl auf bestimmte Abläufe festgelegt. Um der Schauspieler Willen geht das dann auch durchaus in Ordnung.

Barbara Behrendt, kulturradio

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