Company Wayne McGregor: "Autobiography"; © Andrej Uspenski
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Tanz im August - Company Wayne McGregor: "Autobiography"

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Für sein Werk "Autobiography" hat der britische Choreograf Wayne McGregor seine DNA entschlüsseln lassen und eine dynamische Choreografie für zehn Tänzer geschrieben, die von einem Algorithmus für jede Vorstellung in eine andere Reihenfolge gebracht wird.

Viele haben sich von dieser Gastspielpremiere im Haus der Berliner Festspiele schon den Höhepunkt von "Tanz im August", dem Internationalen Tanzfest Berlin erhofft. Das Festival läuft seit einer Woche, das Programm zum 30-jährigen Jubiläum ist riesig, aber dass die Company Wayne McGregor endlich auch nach Berlin gekommen ist, ist ein Ausrufezeichen. Gilt der Brite Wayne McGregor doch als einer der besten und einflussreichsten Choreografen weltweit.
 
Ein Tanzfest-Höhepunkt ist dieses Gastspiel auf jeden Fall, die Berliner Tanzfans mussten die steile Karriere von McGregor immer aus der Distanz beobachten, sein Fehlen beim Tanzfest war ein Makel der letzten Jahrzehnte. Der absolute Höhepunkt ist es jedoch noch nicht, da kommt noch einiges, etwa das Tanztheater Wuppertal - immerhin hat McGregor außerordentliches gezeigt.

Company Wayne McGregor: "Autobiography"; © Andrej Uspenski
Andrej UspenskiBild: Andrej Uspenski

McGregors DNA-Code - "Autobiography"

Der immer avantgardistisch-experimentelle, nach neuen Formen, Stilen und Themen suchende McGregor hat seine eigene DNA für dieses Stück entschlüsseln lassen. Sie ist Grundlage für seine Tanzszenen und einen Algorithmus, der jede Vorstellung neu zusammensetzt – eine Art Zufallsprinzip bestimmt also jeden Abend. Eine Erinnerung an Merce Cunningham, der seine Choreografien mit Würfelwurf oder am Computer hat entstehen lassen.

Der genetische Code von McGregor ist also in jeder der 24.000 möglichen Variationen dieser Choreografie anwesend – direkte biografische Bezüge, Anspielungen auf Leben und Werk gibt es jedoch nicht sondern allgemeine Setzungen. Die einzelnen Szenen tragen Überschriften wie: Natur, Instinkt, Wissen, Altern und Welt und bleiben im Ungefähren, Undeutlichen.

Company Wayne McGregor: "Autobiography"; © Andrej Uspenski
Andrej Uspenski | Bild: Andrej Uspenski

Der faszinierende McGregor-Stil – Androiden-Tanz

Es ist der typische, faszinierende McGregor-Stil: eine Mischung aus Natur und Maschine – Robotik, Neurowissenschaften, Künstliche Intelligenz sind Themen, mit denen er sich seit vielen Jahren ernsthaft wissenschaftlich beschäftigt.

Und sein Tanz changiert zwischen Geschmeidigkeit, Kreatürlichkeit und technoider Künstlichkeit – eine Art Androiden-Tanz, für den die Tänzer Herausragendes leisten müssen. Der Stil, abgleitet vom Klassischen Ballett und Postmodernen Tanz, mit steifstaksigen Beinen, ausgestellten Hüften und Pos, verdrehten Körpern, weiten Überdehnungen des Leibes vor allem in Rückenlagen, die plötzlichen Kehrtwenden der Bewegungs-Richtungen oft nur in einzelnen Gliedern, die Kipp-Balanceakte mit weiten Arm- und Beinschwüngen, das Verflüssigen und Verwirbeln von allem Geraden, Vertikalen und Horizontalem – all das verlangt außergewöhnliche Körperbeherrschung, zumal McGregor sich nie wiederholt, höchstens kleinere Muster erkennen lässt und mit extremen Dynamiken, v.a. Beschleunigungen arbeitet. So entstehen stotternde Bewegungen wie von nicht ganz ausgereiften Computerspiel-Figuren, ein Ruckeln und Zuckeln in extrem schnellem Fließtempo – sehr virtuos und attraktiv, sehr reich an Variationen und elegant.

Choreografierte Atmosphären aus dem Tanz-Hightech-Labor

McGregor hat mal gesagt, es gebe keinen abstrakten Tanz, allem würde immer eine Geschichte oder eine Bedeutung zugrunde liegen – diese zu erkennen, fällt jedoch schwer, denn er hat hier eher Atmosphären choreografiert, etwas steril, wie aus dem Tanz-Hightech-Labor, selten lyrisch oder poetisch, noch seltener humorvoll. Das sind kaltwarme Analysen von Daseinszuständen – die Schlafszene gleicht einem Albtraum, die Naturszene ist ein wildes Toben, in der Welt-Szene steht eine Gruppe Verlorener einem Männer-Duo gegenüber, das zueinander will, aber nicht kann – kreatürlich-mechanischer Existenzialismus eines Neurowissenschaftlers.

Dieser Tanz ist in all seinem Erfindungsreichtum immer von einem Nicht-Zueinander-Finden und Nicht-Beieinander-Sein gekennzeichnet, es gibt immer nur Anfänge und Abbrüche, keine Fortschreibungen, keine Weiterentwicklungen. Dieser Tanz passt perfekt in unsere hypernervöse, überreizte und überhitzte Zeit, ist im Zustand permanenter Unruhe und Beunruhigung.

Company Wayne McGregor: "Autobiography"; © Richard Davies
Richard Davies | Bild: Richard Davies

Musik, Bühne, Licht – Kaleidoskop und Drama und Show

Was sich in der Musik von Jlin wiederfindet, in der von Vogelzwitschern über harmlos plätschernden Ambientsound zu hartem industriellem Techno alles findet – auch dies, wie der Tanz, ein Kaleidoskop an Stimmungen, unterstützt von einer Laser- und Lichtshow und einem dramatisch sich vom Bühnenhimmel absenkenden Gitternetz aus spitzen Dreiecks-Metallgerüsten.

Sättigungseffekt und Beliebigkeiten

Die Show ist also perfekt, der Tanzstil spektakulär, die Tänzer bewundernswert und dennoch stellt sich bald ein Sättigungs-Effekt ein. Und das liegt auch an der Algorithmus-gesteuerten Zufalls-Dramaturgie, durch die der Tanz und das, was McGrgeor vielleicht erzählen will, seine Dringlichkeit und Tiefe verliert. Trotz aller Faszination stellt sich ein Gefühl von Beliebigkeit ein, nichts baut aufeinander auf, entwickelt sich weiter, findet zu Steigerung, Klärung oder Lösung.

Auch das macht dieses Gastspiel zu einem außerordentlichen, aber nicht zu DEM erhofften Höhepunkt – das Publikum hat beglückt gejubelt und ist dann angeregt und rasch seines Weges gegangen.

Frank Schmid, kulturradio

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