Die Generalprobe des Freischütz an der Kammeroper Rheinsberg. (Quelle: Uwe Hauth )
Bild: Uwe Hauth

Kammeroper Schloss Rheinsberg - Carl Maria von Weber: "Der Freischütz"

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Echte Männer kennen keinen Zweifel, erobern die Braut, erlegen den Hirsch, holen den Adler vom Himmel: Das ist die Welt, in der Carl Maria von Webers "Freischütz" angesiedelt ist.

Doch mit der Hauptfigur Max hat Librettist Friedrich Kind bereits einen Gegenpol installiert – jemand, der nicht mehr in der Lage ist, diese Werte zu erfüllen und damit ihre Sinnhaftigkeit grundsätzlich in Frage stellt. Max ist einer der ersten modernen Charaktere der romantischen Oper.

Als solchen legt ihn auch der Berliner Johannes Grau in der Inszenierung der Kammeroper Schloss Rheinsberg an: schlank bis schlaksig, fröstelnd, mit leicht metallenem, sehr höhensicherem Tenor, bricht er die Männlichkeitsideale dieser Dorfwelt ("Leid oder Wonne, beides liegt in deinem Rohr"), die mit diesem Exoten entsprechend wenig anfangen kann. Eigentlich ein "Schreiberling", lässt ihn Regisseur Bruno Berger-Gorski am Ende auch in die Zwangsjacke stecken.

Das entspricht nun so gar nicht dem gottpreisenden Happy End, mit dem der "Freischütz" doch eigentlich schließt. Dieses sei aber sowieso nur aufgepfropft, argumentiert Berger-Gorski, der Uraufführungsintendant habe es so verlangt, in der Fabel von August Apel, auf der der "Freischütz" basiert, lande Max tatsächlich im Irrenhaus.

So ist denn nun im Rheinsberger Heckentheater eine interessante Rückführung der Story zu beobachten. Weniger glücklich setzt der Regisseur seine Idee um, "Freischütz" als deutsche Nationaloper zu dekonstruieren. Es bleibt bei kursorischen Verweisen, Porträts von Bismarck und Helmut Kohl, in der Wolfsschlucht wird Agathe in einer Vision von Max als Angela-Merkel-Parodie von Pegida-Anhängern gejagt.

Der slowenische Dirigent Simon Krečič leitet die Junge Kammerphilharmonie Berlin zu einem beherzt-emotionalen, trotzdem punktgenauen Spiel an, passt den musikalischen Ausdruck den gerade im "Freischütz" sehr häufig und plötzlich wechselnden Stimmungen an.

Mima Millo muss als Agathe ziemlich häufig am Boden kriechen, das darf sich in späteren Inszenierungen gerne ändern – ihr sanftwarmer Sopran kompensiert aber manches. Jerica Steklasa singt als Ännchen etwas schrill, von Johannes Schwarz (Kaspar) würde man künftig gerne mehr hören, Strahinja Dokić lässt als Samiel und Eremit (für Regisseur Berger-Gorski stellen sie die beiden Seiten der gleichen Medaille dar) seinen prachtvollen Bass raunen.

Mit diesem "Freischütz" endet bei der Kammeroper Schloss Rheinsberg die kurze Ära von Frank Matthus, Sohn des Festivalgründers Siegfried Matthus, als künstlerischer Direktor. Er wurde nach vier Jahren vom Land Brandenburg mehr oder weniger sanft beiseitegeschoben, um die Kammeroper mit der ebenfalls in Rheinsberg ansässigen Musikakademie zu fusionieren und einen neuen künstlerischen Gesamtleiter zu installieren. Dies wird ab Herbst 2018 Georg Quander sein, ehemals Intendant der Berliner Staatsoper. Der 67-Jährige dürfte der richtige Mann sein, Strukturen zusammenzuführen und zu festigen. Ob er auch für Aufbruch steht, wird man sehen müssen.

Udo Badelt, kulturradio

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