Salzburger Festspiele "Pique Dame"; © Salzburger Festspiele / Monika Ritterhaus
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Salzburger Festspiele - Peter Tschaikowsky: "Pique Dame"

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Peter Tschaikowskis vorletzte Oper "Pique Dame" enstand in Florenz, die Handlung um Liebe, Glücksspiel und Geheimnis aber ist angesiedelt in St. Petersburg im späten 18. Jahrhundert. Mariss Jansons dirigiert und Hans Neuenfels inszeniert die Oper auf Basis einer revidierten Neuausgabe.

"Pique Dame", so hatte Hans Neuenfels im Vorfeld verlauten lassen, wäre seine letzte Inszenierung. Von altersbedingter Kraftlosigkeit aber war im Großen Festspielhaus nicht viel zu spüren. Eine Ästhetik wie aus einem Guss dank des Bühnenbilds von Christian Schmidt und der wirklich atemberaubend schönen Kostüme von Reinhard von der Thannen: ein klaustrophobisch geschlossener, luftarmer Raum mit dick gepolsterten Wänden, in dem sich allenfalls Fenster auftun hinaus oder hinein in andere Welten oder Dinge und Menschen per Laufband von links oder rechts hereingefahren kommen.

Wir machen hier Kunst, sagt diese Ästhetik, und das machen wir mit Hingabe, und wenn etwas Vermächtnischarakter hat, dann vielleicht die Tatsache, dass es auch hier so gut wie keine Neuenfelsischen Provokationen gibt. Der 77-Jährige ist auf dem Weg, sich selbst als Klassiker zu bestätigen, das hat sich ja auch in seinen letzten Berliner Arbeiten angekündigt. Also kein Werfen mit Brathähnchen mehr, keine enthaupteten Religionsführer und dergleichen.

Eng am Text

Neuenfels erzählt von der Unmöglichkeit, als Individuum in einer rigiden, frigiden, restriktiven Gesellschaft zu überleben. Der Chor – und "Pique Dame" ist eine große Choroper – dieser Chor ist bei ihm kein munteres russisches Völkchen, sondern eine fremdgesteuerte, schematisierte Masse. Das hat man allerdings recht schnell begriffen. Und Neuenfels erzählt die Geschichte einer großen Liebe, zwischen dem Offizier Hermann und der schönen Lisa, die natürlich unglücklich endet, nach drei Akten sind nicht nur die beiden tot, sondern auch die alte Gräfin, die ein düsteres Geheimnis hütet, das Geheimnis über das ewige Glück im Spiel nämlich, im Kartenspiel.

Neuenfels bleibt sehr eng am Text, an Tschaikowskys Partitur, und arbeitet mit einer guten, bisweilen erstaunlich konventionellen Personenregie. Da schleicht sich in den Gesten, im Arrangement viel Oper ein. Die wahre Liebesszene aber und für mich der Höhepunkt des Abends, das ist der große Auftritt der Gräfin Ende des zweiten Akts, wenn Hermann versucht, ihr ihr Geheimnis zu entlocken. Eine glatzköpfige, hinfällige Alte im Unterrock, mit roten Schuhen wirft sich da einem hoch attraktiven jungen Gardeoffizier mit knallroter Uniform an die Brust, und dass einen das rührt, tief berührt, und nichts Ekliges hat, also da ist Neuenfels ganz der Alte, ein Regisseur, der menschliche Beziehungen leuchten lassen kann.

Sänger respektabel

Wie die bald 75-jährige Hanna Schwarz die Gräfin spielt, wie sie das macht, mit immer noch profunden Mezzo-Tönen, das ist großartig. Was für eine Ausstrahlung! Damit ist die übrige Besetzung leider nicht wirklich gesegnet, es wird sehr respektabel gesungen, aber nicht mehr, und zu Herzen gehen weder Brandon Jovanovich als Hermann, der eigentlich nur eine Lautstärke kennt, ein sattes Mezzoforte, noch Evegenia Muravevas Lisa. Am besten gefiel noch Igor Golovatenko, als Fürst Jelezki, Lisas Verlobter, ein Bariton von beeindruckender stimmlicher Statur.

Salzburger Festspiele "Pique Dame"; © Salzburger Festspiele / Ruth Walz
Bild: Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Kein schwüles Parfüm

Mariss Janons nach 2017 gleich wieder für die Salzburger Festspiele zu verpflichten, da hat er Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" dirigiert, ist ein Coup. Wobei Markus Hinterhäuser den Letten wohl weniger mit Salzburg hat locken können als mit dem richtigen Repertoire. Jansons hat in St. Petersburg studiert, er kennt seine Russen, hat viel Tschaikowsky dirigiert, und diesem Hintergrund, dieser Authentizität ist es auch zu verdanken, dass das bei ihm nie süßlich klingt, nie nach schwülem Parfüm. Das tat es gestern Abend auch nicht, im Gegenteil, es dominierten harte Kanten und kräftige Lautstärken. Ein toller Zugriff, aber etwas mehr Tschaikowsky-Melos wäre schön gewesen.

Christine Lemke-Matwey, kulturradio

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