Sasha Waltz & Guests: Exodos © Carolin Saage
Carolin Saage
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Radialsystem - Sasha Waltz & Guests: "Exodos"

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25 Jahre Sasha-Waltz-Compagnie! Zum Jubiläum hat Sasha Waltz einen großen Assoziationsreigen inszeniert, der wie eine Installation beginnt, sich zu einer Party und einem Happening entwickelt.  

Schlicht "Exodos" hat Sasha Waltz ihre neue Choreografie genannt, "Exodos", das im Griechischen für Ausgang oder auch Auszug steht, wobei sie nach ihren Vorab-Ankündigungen auch das Ausgehen und die Flucht- und Migrations-Thematik damit verbindet. Kollektive Dynamiken wolle sie untersuchen, hat Sasha Waltz vorab gesagt. Zum 25-jährigen Jubiläum der Sasha-Waltz-Compagnie hatte ihr Stück gestern Abend Uraufführung im Berliner Radialsystem.

Assoziationsreigen zum Themenkreis "Exodos"

"Exodos" als Ausgang und Auszug im biblischen Sinne, aber auch das Ausgehen zu Feiern und Partys und neben dem Thema Flucht und Migration auch das Etwas-Hinter-Sich-Lassen, der Aufbruch ins Fremde, Neue, der Wunsch nach Veränderungen und Glück wie Schmerz, die damit einhergehen – all diese Themen finden sich in den zweidreiviertel Stunden – neben den Themen schon der beiden Vorgänger-Stücke: Gemeinschaft und wie sie entsteht und sich auflöst, Freiheit und Kontrolle, Macht und Ohnmacht.

Sasha Waltz hat einen großen Assoziationsreigen inszeniert, der wie eine Installation beginnt, sich zu einer Party und einem Happening entwickelt und das zu einem irrlichternden Soundtrack des Sound Collectives mit Ambient-, Elektro-, Techno- und Metal-Music. Das Publikum bewegt sich anfangs frei in den beiden Sälen des Radialsystems, später findet alles im großen Saal statt, die Tänzer in der Mitte, das Publikum darum herum.

Sasha Waltz & Guests: Exodos © Carolin Saage
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Bildhafte Einzelaktionen werden zu Massenszenen

Sasha Waltz hat viele Dutzend Einfälle, Bilder, Szenen inszeniert, ein Füllhorn an Ideen ausgeschüttet. Da schwebt ein Tänzer an Seilen hochgezogen wie ein Götterbote durch den Raum – andere hängen sich halt- und hilfesuchend an ihn. Da stecken Tänzer in engen Plexiglaskisten wie weggesperrte Ausstellungsstücke, Wachsfiguren, die ruckelnd zum Leben erwachen. Mann und Frau liegen neben dem Skelett eines kleinen Kindes, das später ritualhaft in einer fahrbaren Küchenspüle gewaschen wird. Bildhafte Einzelaktionen, wie das wankende, schwankende Balancieren auf einer dünnen Holzleiste oder die Frau, die hinter einer Plexiglasfolie, halb verborgen, halb enthüllt an der Betonwand kauert. Die spiegelnden, verschleiernden, Distanzen schaffenden Plexiglasfolien werden oft zum Einsatz kommen, wie die Sprünge über geschwungene Taue, die kindliche Freiheit des Fliegens gewissermaßen.

Bildhafte Einzelaktionen, die allmählich über kurze Paartänze zu Kollektiv-Szenen werden, zu Massenszenen – alle 26 Tänzerinnen und Tänzer in simpel-einfachen Schritt- und Bewegungsfolgen zu wummernder Techno-Musik wie in einem Techno-Club. Die Zuschauer sollen mittanzen und momenthaft entsteht eine Clubatmosphäre im Dunkel, von Scheinwerfern zerfetzt.

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Fragile Gemeinschaften, exklusive Räume, Zwänge und Brüche

Mit alldem inszeniert Sasha Waltz ihr gegenwärtiges Dauerthema: Gemeinschaft – neben den Massenchoreografien auch mit Wanderungsbewegungen in Enge und Weite und mit Fließen und Stauungen, wenn die Tänzer in wechselnden Gruppen wellenförmig durch den Raum fließen, in Gruppen, die sich zusammenfinden, anwachsen und vergehen – die Ekstase der Massentänze als Glückszustand der Auflösung des Einzelnen in der Gruppe.

Sasha Waltz geht dies aber auch grundsätzlicher an und fragt: wer besetzt welche Räume und wer definiert auf welche Weise die Grenzen dieser Räume. Dazu werden die Zuschauer dirigiert, werden Tänzer in Gruppen eingeschlossen oder daraus ausgeschlossen, wird bestimmt, wer mitmachen darf und wer nicht, werden exklusive Räume für einige Wenige definiert.

Aber alle Gemeinschaften sind immer fragil, entstehen unter inneren oder äußeren Zwängen und auch die Idylle des Adam-und-Eva-gleichen Paares am Ende ist eine gebrochene. Das ist kein glückliches Paar als Keimzelle einer Gesellschaft sondern ein aneinander zerrendes, voneinander fortstrebendes Paar – eine misslingende Gemeinschaft.

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Bild: Carolin Saage

Kein Fokus, wenig Struktur und Form – Übergangs-Werkphase - Irrgarten

Sasha Waltz schüttet ein Füllhorn an Ideen und Einfällen aus, diese finden jedoch nicht zusammen. Der Überschuss an Kreativität, Phantasie, v.a. bildnerischen weniger tänzerischen Einfällen ist überwältigend, aber das Stück verliert mit zunehmender Dauer seinen Fokus, verliert Form und Struktur und wird zu einer wolkigen Bilderfolge zu ihren Themenkreisen – zudem gibt es einige Redundanzen und nicht alle Szenen sind mit derselben Sorgfalt gearbeitet, manche überraschend grobschlächtig, v.a. im Tanz. Dies ist eine Materialsammlung, die eigentlich noch in eine klare, v.a. gekürzte Form gebracht werden müsste.

Wenn man ihre letzten beiden Stücke der letzten gut 14 Monate "Kreatur" und "Dialoge Wirbel" dazu nimmt, dann befindet sich Sasha Waltz gerade in einer Übergangs-Werkphase: ein Genießen der künstlerischen Freiheit, eine Selbstbefreiung vom Zwang, große bis ins letzte Detail ausgearbeitete, in sich geschlossene und dem Tourneebetrieb gewidmete Stücke abzuliefern, eine Phase, die spätestens mit dem Eintritt in die Staatsballett-Intendanz im nächsten Jahr wird enden müssen.

Eine für sie fruchtbare Phase und Ausdruck ihrer enormen künstlerischen Kreativität und Fähigkeit zur Selbst-Neuerfindung – für den Zuschauer jedoch eine nicht anstrengungsfreie Reise durch einen verlockend hübschen Irrgarten.

Frank Schmid, kulturradio

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