Tanz im August | Bruno Beltrao: Inoah © Theater der Welt/Kerstin Behrendt
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Tanz im August | Haus der Berliner Festspiele - Bruno Beltrao / Grupo de Rua: "INOAH"

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Bruno Beltrao gilt seit Jahren als derjenige Choreograf, dem es gelingt, Hip-Hop-Tanz und Zeitgenössischen Tanz zu vereinen. Seine Gesellschafts-Analyse ist beängstigend und beklemmend.

Der brasilianische Choreograf Bruno Beltrao, berühmt für seine Verbindung von Hip Hop und Zeitgenössischem Tanz, bezieht sich in seiner jüngsten Choreografie "INOAH" auf die politische Situation in seinem Heimatland, auf Korruptionsskandal und Wirtschaftskrise und die Folgen. Gestern war Gastspielpremiere beim Tanz im August, dem Internationalen Tanzfest Berlin.

Eine Gesellschaft am Abgrund

Bruno Beltrao hat einen düsteren Mikrokosmos entworfen und zeigt damit das Bild einer Gesellschaft am Abgrund, kurz vor dem Zusammenbruch. Dabei geht er abstrakt und atmosphärisch vor, nicht erzählerisch oder darstellerisch, es gibt keine Szenen, die man als konkrete Anspielungen auf bestimmte Ereignisse oder Probleme in Brasilien deuten könnte. Die zehn ausschließlich männlichen Tänzern geistern über eine kahle, nackte Bühne, einem Gefängnishof nicht unähnlich – oben verläuft ein schmales Leinwandband mit Bildern von Himmel, Wolken und Sternen – eine abgesperrte Innen-Welt, die Außenwelt nur ein kleines Fensterchen, eine Illusion.

Tanz im August | Bruno Beltrao: Inoah © Theater der Welt/Kerstin Behrendt
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Korruptionsskandal, Wirtschaftskrise, Krise der Demokratie

Inspiration und Ausgangspunkt für diese Choreografie waren der riesige Korruptionsskandal seit 2014 um den halbstaatlichen Ölkonzern Petrobas mit hunderten beschuldigten, verhafteten und z.T. bereits verurteilten Managern und Politikern bis in die höchsten Partei- und Staatsämter, der die schwerste Wirtschaftskrise des Landes ausgelöst und das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat und seine Institutionen erschüttert hat.

Nach Umfragen vom Anfang des Jahres sind nur noch 13 Prozent der Befragten mit der Demokratie als Staatssystem zufrieden. Und das im Superwahljahr 2018 – im Herbst finden die Präsidentschafts- und Kongress- und Parlamentswahlen in den Bundesstaaten statt – auch in Brasilien sind populistische und radikale Parteien erstarkt. Eine Gesellschaft in der Krise – das Thema von Bruno Beltrao.

Verkrampfte Körper – Höchste innere Unruhe

Bruno Beltrao zeigt eine Gesellschaft unter Extrem-Druck. Seine Tänzer laufen gebückt, wie zu Boden gedrückt, die Körper sind verkrampft, wie unter extremem Außendruck zusammen gepresst, die Bewegungen gekennzeichnet von Verhärtungen, entstanden wie als Reaktion auf äußeren Druck.

Wie in einigen Hip-Hop-Stilen üblich, arbeitet Beltrao mit Muskelkontraktionen, mit Anspannungen, die er aber selten in Entspannungen entlässt. Das entspricht in etwa dem Popping-Tanzstil, den roboterhaften, mechanischen Bewegungen, kurz und hart, ruckartig-abrupt und impulsiv, bei Beltrao sind das Körper unter Stress, in höchster innerer Unruhe.

Das sind sie in den stillen Momenten, wenn Beltrao die Bewegungen stoppt, die Tänzer wie schockgefroren erstarren oder in äußerster Verlangsamung fortfahren lässt und das sind sie auch in den rasend schnellen Läufen, Sprüngen, Salti, Hip-Hop-Typischen Power Moves am Boden, dem Drehen auf dem Rücken, bei Beltrao selten auf dem Kopf. Die Tänzer sind herausragend in diesen Hip-Hop-Techniken, die akrobatischen Aktionen sind teilweise atemberaubend.

Halbdunkle Schattenwelt – Aggressionen und Eruptionen

Es gibt im Prinzip keine Erlösung in dieser halbdunklen Schattenwelt. Beltrao arbeitet mit an die Grenzen gehenden Dynamiken: jeden Augenblick scheinen sich unterschwellige Aggressionen zu entladen.

Es gibt Andeutungen von Schlägen und Tritten (eine Anlehnung an die Battle-Struktur des Hip Hop), nur dass es hier wirkt, als wären die Tänzer von Wut, Angst, Ratlosigkeit besetzt und überwältigt und würden nach Auswegen suchen.

Ständig scheint es, als stünden unmittelbar Eruptionen bevor, Entladungen wie Explosionen. Ein Eindruck, zu dem die Musik beiträgt, ein Soundtrack, der fast ausschließlich aus einem dunkel dräuenden Dröhnen und Grollen besteht, beängstigend und bedrängend und von Donnerschlägen begleitet.

Tanz im August | Bruno Beltrao: Inoah © Bruno Beltrao
Bild: Bruno Beltrao

Annäherung an den zeitgenössischen Tanz

Bruno Beltrao gilt seit Jahren als derjenige Choreograf, dem es gelingt, Hip-Hop-Tanz und Zeitgenössischen Tanz zu vereinen, damit feiert er weltweit Erfolge. Und mit dieser Choreografie hat er sich sehr weit vom Hip-Hop-Tanz entfernt. Eine derartige Annäherung an den Zeitgenössischen Tanz in der Bewegungskultur, im Stückaufbau und in der Gestaltung von Soli, Duos, Trios und Gruppen war noch vor Jahren von ihm nicht zu erwarten – die Hip-Hop-Stile sind noch erkennbar, aber nur in einzelnen übrig gebliebenen Elementen.

Bei diesem Thema und dieser Umsetzung ist es zwar verständlich, aber auch bedauerlich, dass er nur Männer einsetzt, keine seiner sonst so starken, übrigens immer absolut gleichberechtigt choreografierten Frauen.

"INOAH" ist die bislang stärkste Choreografie von Bruno Beltrao, seine Arbeit konnte ja in Berlin recht gut verfolgt werden. Seine Gesellschafts-Analyse ist beängstigend und beklemmend. Man ersehnt sich geradezu eine Entlastung, eine Entschärfung der Konflikte, die er hier in die Körper seiner Tänzer, in seinen Tanz einschreibt. Das jedoch deutet er nur in winzigen Momenten an, die man als minimale Hoffnung deuten könnte: wenn die Tänzer einander stützen, halten und tragen – winzige Momente der Verständigung über Konflikte, Druck und Angst hinaus. Vom Publikum zu Recht begeisterter Applaus.

Frank Schmid, kulturradio

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