Constanza Macras | DorkyPark: "Chatsworth"; © Thomas Aurin
Thomas Aurin
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Tanz im August | HAU1 - Constanza Macras / Dorkypark: "Chatsworth"

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Ein Musical im Bollywood-Stil über Migration und Integration: Constanza Macras hat eine Choreografie über die indische Bevölkerungsminderheit im südafrikanischen Durban inszeniert. Am Wochenende war die Uraufführung beim Festival "Tanz im August".

Chatsworth, der quasi indische Stadtteil von Durban, verwandelt sich in dieser Macras-Choreografie in ein Musical im Bollywood-Stil: chaotisch, energiegeladen und szenisch wie thematisch überbordend. Ein furioses Musical über Migration, Integration und Assimilation.

Die Geschichte der Inder in Südafrika beginnt im 19. Jahrhundert, als sie mit Knebelverträgen als Farmarbeiter ins Land geholt wurden. Der Stadtteil Chatsworth wurde in den 1950-Jahren von der Apartheid-Regierung gegründet, um sie an einem Ort zu versammeln und zu kontrollieren. Heute ist die indische Bevölkerungsgruppe mit ca. 20 Prozent die zweitgrößte in Durban, weit vor den weißen Südafrikanern mit ca. 9 Prozent.

Constanza Macras verknüpft nun das Leben der indischen Bevölkerung in Durban mit ihren grundsätzlichen Themen: Migration, Rassismus, Kolonialismus und seine Folgen und individuelle wie soziale Identitätsfindung.

Private Geschichten, historisch-politische Aufklärung, Theorie

Das alles bringt Constanza Macras in ihrem ureigenen Stil auf die Bühne. Das macht in vergleichbarer Weise niemand sonst in der Tanzszene. Sie hat wie in ihren letzten Stücken wieder vor Ort grandiose Tänzer und Performer gefunden. Ihr Ensemble ist nun wahrlich multikulturell: indisch-stämmig, schwarzafrikanisch und europäisch.

Mit ihnen vermengt Macras diesmal sehr geschickt private Geschichten, historisch-politische Aufklärung und sozialpolitische Theorie. Heißt: Die Tänzer*innen erzählen vielleicht autobiografische Geschichten. Einer erzählt zum Beispiel, wie er als schwuler Mann seine indische Familie verlassen, seine Identität in Ausgrenzung und Abgrenzung finden musste. Ein anderer erklärt zu Videobildern von Straßen und Häusern in Chatsworth, wie diese von der Apartheid-Regierung geplant und gebaut und von den Indern im Laufe der Zeit einfach umgebaut wurden. Wie sich also die Bevölkerung den Stadtteil zu Eigen gemacht hat.

Inbesitznahme, Umgestaltung der konkreten Umwelt nach den eigenen kulturellen und traditionellen Maßstäben. Zwei Beispiele und damit individuelle und soziale Identitätsfindung mit ganz konkreten Geschichten erzählt.

Erzählen, singen, tanzen zu Livemusik – Kathak, Showtanz, Bollywood

Constanza Macras lässt ihre Performer all dies erzählen, tanzen und singen, live von Musikern begleitet, die klassische indische Musik mit Rap und Pop verbinden und sie setzt, völlig neu bei ihr, Pantomime ein. Grotesk überzeichnet wird mit Körper, Gestik, Gesichtsausdruck und vor allem mit den Händen (eine Anspielung auf die indische Theater- und Tanz-Tradition) eine Dreiecks-Liebesgeschichte erzählt zwischen einer Weißen, einer indisch-stämmigen Frau und einem afrikanisch-stämmigen Mann. Wechselseitige Klischees, Stereotype, rassistische Vorurteile kommen zum Vorschein, werden karikiert.

Ebenso humorvoll wird wunderbar getanzt. Der Chatsworth-Erklärer ist exzellent im Kathak, dem jahrhundertalten klassischen indischen Tanz. Ein anderer überführt den Kathak in Pop-Showtanz. Ein dritter vermischt die Traditionen indischer und afrikanischer Tänze. Und alle zusammen tanzen sie Bollywood-Tanz, die großen Gruppentanz-Einlagen in den Filmen. Ein Stil, der selbst schon eine Mischung aus allem ist: klassisch indisch, europäisch-amerikanisch, große Showtanz-Nummern in den Filmen – und auch bei Constanza Macras.

Leicht, spielerisch, weniger theorieversessen

"Chatsworth" es ist eines der besten Constanza-Macras-Stücke. Die Arbeit mit südafrikanischen Künstlerinnen und Künstlern tut ihr sichtlich gut, wie man an ihren letzten drei Choreografien erkennen kann: alles ist leichter, spielerischer, weniger theorieversessen und weniger verbissen. Und sogar ihre sonst oft konfuse und diffuse Collage-Dramaturgie funktioniert hier.

Auch das Überziehen ins Groteske und Absurde, das früher mitunter effekthascherisch bemüht wirkte, gelingt. Sie macht sich wunderbar lässig lustig über den zeitgenössischen Tanz und Butoh, über Fehlentwicklungen in der Political Correctness und der gendergerechten Sprache und über Rassismus in der westlichen Kultur, lässt etwa Leonard Bernsteins "West Side Story" von ihrem multiethnischen Ensemble konterkariert nachspielen.

Obsessiver Partikularismus - Gegen Abgrenzung, für Durchlässigkeit

Zusätzlich kritisiert Constanza Macras deutlich einen "obsessiven Partikularismus", wie es bei ihr heißt, das bedingungslose Durchsetzen von Interessen kleiner und kleinster Gruppen gegenüber einer Mehrheit. Sie kritisiert das Denken in Trennungen und Abgrenzungen, plädiert für Durchlässigkeit statt Grenzziehung. Die indische Bevölkerung in Durban, die das Eigene bewahrt und das Andere, das Fremde hinzufügen kann, dient ihre dabei als Paradebeispiel.

Dass sie v.a. mit Ironie und Überzeichnung arbeitet und keine andere Utopie anbietet, als ausgerechnet Bollywood, das ja im Kern eine Kommerzialisierung traditioneller indischer Kultur ist, dass sie einen Kessel Buntes arrangiert, ist diesmal verzeihlich – ihre Tänzer sind phantastisch, die Verbindung von unterhaltendem Spektakel und kritischer Theorie funktioniert bestens.

Frank Schmid, kulturradio

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