Theater: Möchten Sie noch? Nein Danke! © Florian Krauss
Florian Krauss
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Theater Thikwa - "MÖCHTEN SIE NOCH? NEIN DANKE!"

Bewertung:

Wer bei dem Titel ans Essen denkt, liegt nicht ganz falsch. Es wird ein Vier-Gänge-Menü serviert. Vier Männer sitzen an der gedeckten Tafel und sollen sich gut benehmen können – die Frage ist nur, ob sie das können.

Dass André Nittel Probleme hat, sieht man auf den ersten Blick. Er kauert verkrümmt in seinem Rollstuhl, greift nervös nach der Tischplatte und beugt sich nach vorn. Man spürt, dass er etwas sagen will, doch aus seinem Mund kommen nur unartikulierte Laute, ein Lallen und Ächzen, wie bei einem Monster im Film – für den unbeleckten Besucher ein Schock: Da wird eine Behinderung ausgestellt! Einige Zuschauer lachen sogar – aber das Lachen klingt nicht schadenfroh, sondern eher zustimmend. Und das hat mit dem Ort zu tun. Das Theater Thikwa ist ein Haus, in dem jeder seine Behinderung zeigen darf – das gilt nicht als peinlich oder Bruch der Etikette, sondern als Akt der Emanzipation. Da sind Menschen, die sich nicht verstecken und Zuschauer, die das würdigen. André Nittel, der im Rollstuhl an der gedeckten Tafel sitzt, kann sich nur eingeschränkt bewegen und nicht klar sprechen, aber er ist voll und ganz da. Er lallt und zuckt genau aufs Stichwort. Der Regisseur Martin Clausen hat die Aktionen seiner Akteure sehr genau aufeinander abgestimmt.

Theater: Möchten Sie noch? Nein Danke! © Florian Krauss
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Sie schwatzen fröhlich daher

Eine Geschichte erzählt das Stück nicht. Clausen kommt aus einer Theatertradition, die Eindeutigkeit ablehnt. Er spielte lange bei Nico & the Navigators und hat inzwischen seine eigene Gruppe  "Martin Clausen & Kollegen". Zu seinen Markenzeichen gehören Theaterbilder, die an Alltagssituationen erinnern, aber einen leichten Twist haben, so dass man sie nicht 1:1 nehmen kann. Hier ist es die Restaurantsituation. Da wird erst sehr vornehm der Tisch gedeckt – Martin Clausen spielt selbst einen der Kellner, der akurat die Bestecks ausrichtet und die Gläser der Größe nach ordnet – und dann kommen André Nittel und seine Begleiter, die sich um die Etikette nicht scheren. Sie fassen alles an, drehen die Teller um und schwatzen fröhlich daher – ganz ohne roten Faden. Sie reden über ihre Geburt und darüber, wie es wäre, zum Mars zu fliegen. Und je länger der Abend läuft, desto mehr schimmern die Persönlichkeiten der Spieler durch.

Theater: Möchten Sie noch? Nein Danke! © Florian Krauss
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Giftige Kommentare von einem Grantler

Der zierliche Alexander Lange zum Beispiel, den Kinogänger vielleicht aus dem Film "Kroko" kennen, gibt den Grantler. Er sitzt im Rollstuhl und gibt giftige Kommentare ab. Wenn sich sein Tischnachbar zu Wort meldet, der aufgrund seiner Behinderung nur im Zeitlupentempo sprechen kann, rollt er mit den Augen – gerade die Kombination aus ihm, dem Schnellsprecher, und dem langsamen Nico Altmann ist wahnsinnig komisch.

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In einer anderen Szene meldet sich der lallende André Nittel zu Wort. Keiner versteht ihn. "Brauchst du Hilfe?", fragt einer der Akteure und die anderen steigen drauf ein: "Brauchst  du Erste Hilfe – Sozialhilfe – Sterbehilfe?" – Eine böse Pointe, die sehr stark wirkt, weil Nico Altmann gleich darauf in seiner Zeitlupensprechweise bemerkt, dass jeder Mensch das Recht zu leben hat. Humor und Ernst, Flachserei  und tiefere Bedeutung liegen in der Produktion nah beieinander.

Akteure wollen mitbestimmen

Filmeinblendungen bringen zudem eine historische Perspektive ins Spiel. Martin Clausen hat Dokumentaraufnahmen von einer Festveranstaltung 1981 in Dortmund zwischen die Theaterszenen montiert, bei der die Behindertenhilfe gefeiert werden sollte. Der damalige Bundespräsident Karl Carstens sollte reden, aber er kam nicht dazu, weil Behinderte die Bühne stürmten und riefen "Nicht mit uns! Hier wird nur über uns gesprochen, aber nicht mit uns!" – Und in dieser Tradition steht auch das Theaterstück. Die Akteure auf der Bühne wollen nicht einfach nur Objekt sein, über das geredet wird, sie wollen den Diskurs selbst mit bestimmen.

Oliver Kranz, kulturradio