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Young Euro Classic 2018 | Konzerthaus Berlin - Youth Chamber Orchestra St. Petersburg

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Vor sechs Jahren hat Migran Agadzhanyan mit jungen Kolleginnen und Kollegen sein Orchester gegründet. Ein ernsthafter Dirigent, der in harter Arbeit viel erreicht hat. Nur eines müssen alle noch lernen: Freude an der Musik zu zeigen und zu vermitteln.

Migran Agadzhanyan ist eine ungewöhnliche Erscheinung: gerade einmal 26 Jahre jung, und dabei hat er bereits eine Gesangskarriere als Tenor hinter sich. Derzeit studiert er Klavier. Er dirigiert und komponiert auch noch. Wie das alles in einen 24-Stunden-Tag passt, bleibt sein Geheimnis.

Sein Youth Chamber Orchestra St. Petersburg hat er vor sechs Jahren gegründet. Dort spielen bereits Profis mit Wettbewerbserfahrung. Agadzhanyan muss geradezu besessen sein. So wie er das gestrige Programm einstudiert hat, müssen alle wirklich Tage und Nächte geprobt haben.

Sinfonie über den Tod

Man staunt manchmal, was sich Jugendorchester zumuten. Dabei ist in der Sinfonie Nr. 14 von Dmitri Schostakowitsch nicht so sehr der technische Anspruch bemerkenswert, sondern der Gehalt. Elf Gedichte zum Thema Tod hat der Komponist vertont, manches in gruseligsten Szenen.

Da gibt es den Tod aus verbotener Liebe, einen Selbstmörder, einen im Krieg fallenden Soldaten, einen Gefangenen. Meistens Schicksale von Menschen, die sinnlos in den Tod getrieben werden. Ein düsteres, fatalistisches Stück.

Tanzende Skelette

Man spürt sofort die Ernsthaftigkeit, mit der alle an diese Aufgabe herangehen. Der Dirigent überlässt nichts dem Zufall. Die extremen Klangfarben werden hier aufgefächert – vom fahlen Fiepen der Geigen über wütende Ausbrüche bis hin zu den für den späten Schostakowitsch so charakteristischen gruseligen und gespenstischen Farben: ein Tanz der Skelette mit Zupfen und Klappern. Die Kraft liegt jedoch im Melodischen: Wenn die Solocellistin mit der Sopranistin eine Art Duett hat, klingt ihr Ton fast noch mehr gesungen.

Für die beiden Solisten hat man auf junge, aber bereits fertig ausgebildete Profis zurückgegriffen. Die Sopranistin Karina Flores spielt ihren dramatischen Facettenreichtum beeindruckend aus. Der Bass Felix Kudryavtsev ist fast ein bisschen ein Klischeetyp russischer Bass: profund, durchdringend und ernsthaft. Wenn er loslegt, vibriert der Saal.

Dilettantische "Moderne"

Als Deutsche Erstaufführung wurde ein Oboenkonzert von Dowlet Ansarokow angekündigt. Das Stück entpuppte sich als akademischer, neoklassizistisch-stümperhafter Mix aus nichtssagenden Melodieteilen, rhythmischen Strukturen, folkloristischen Anklängen, das alles halb tonal mit ein paar falschen Tönen. Kurz: konventionell, epigonal, vorhersehbar und erscheckend schlecht gesetzt. Die Oboe wurde meistens vom Streichorchester zugedeckt.

Nicht nur, dass der Solist Aleksandr Bykov nichts an dem Stück retten konnte und man ihm gewünscht hätte, sich mit besserer Musik präsentieren zu können – man staunt, dass die Künstlerische Leitung des Festivals es zugelassen hat, dass ein so erbärmlich schlechtes Stück auch noch zwischen Schostakowitsch und Tschaikowsky zur Aufführung kommen durfte.

Musik darf Freude machen

Peter Tschaikowskys Streicherserenade ist ein anspruchsvolles Werk, jedoch nicht zu schwer für ein Jugendkammerorchester dieses Niveaus. Da kann doch eigentlich nichts schief gehen. Nein – außer: man probt zu viel. Migran Agadzhanyan hat alles bis in die Details einstudiert. Man sieht das richtig: Er steht vor dem Orchester, rudert mit den Armen und dirigiert wirklich alles aus. Das Ergebnis sind herrlich schöne Details, wenn etwa der langsame Satz wie aus dem Nichts beginnt. Aber dieses Stück ist auch leicht, fröhlich, virtuos und spielerisch. Davon hört man jedoch nichts. Selbst der Walzer scheint seine gute Laune nur nach Ansage verbreiten zu dürfen. Hervorragend einstudiert, aber am Stück vorbei.

Der ganze Abend hatte etwas Unfrohes. Zu viel Ehrgeiz und zu wenig erkennbare Spielfreude. Was sich auch auf das Publikum übertragen hat. Wo sonst der Jubel keine Grenzen kennt, war der Beifall doch vergleichsweise verhalten. Bei aller Qualität der Arbeit – eines müssen die jungen Musikerinnen und Musiker unbedingt noch lernen: Musik kann und soll vor allem Spaß machen.

Andreas Göbel, kulturradio

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