Berliner Ensemble: Auf der Straße mit Bettina Hoppe, René Wallner, Psy Chris, Nico Holonics und Alexandra Zipperer; © Julian Röder
Julian Röder
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Berliner Ensemble - "Auf der Straße"

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Was geschieht mit einem Menschen, der sein Zuhause verliert, sein Obdach. Und wie reagiert die Gesellschaft auf die Wohnungslosen?

Es ist noch keine acht Wochen her, da übergoss ein Mann in Berlin-Schöneweide zwei schlafende Obdachlose mit Benzin und zündete sie an. Die beiden Männer wurden schwer verletzt. Wie gehen wir in einem der reichsten Länder der Welt mit Menschen um, die kein Zuhause haben? Und warum leben diese Menschen auf der Straße? Was hat ihr Leben mit unserem zu tun?

Ein kleiner Schritt

Die US-amerikanische Dokumentartheatermacherin Karen Breece hat am Berliner Ensemble zusammen mit Obdachlosen und Schauspielern einen Abend zu diesem Thema entwickelt. "Auf der Straße" heißt dieses Stück Doku-Theater, bei dem sehr unterschiedliche Menschen ein ganzes Spektrum von Möglichkeiten aufzeigen, wie man verarmen, auf die Straße oder unter die Räder geraten kann.

René stellt den eher klassischen Typus des Obdachlosen dar, der seit Jahrzehnten auf Parkbänken, mittlerweile vor einer Kirche schläft. Tagsüber ist er professioneller Flaschensammler, "nicht geoutet", wie er sagt – heißt, er achtet darauf, dass man ihm seine Obdachlosigkeit nicht ansieht. "Psy Chris", das steht für Psycho Chris, ist deutlich jünger, hat eine Persönlichkeitsstörung und landete wegen seiner grauen- und gewaltvollen Kindheit schon mit 14 auf der Straße.

Und dann ist da noch Alexandra, die nie obdachlos war. Eine fröhliche Frau mittleren Alters, die Kunstgeschichte, Archäologie und italienische Literatur studiert hat, aber nirgends Fuß fassen konnte. Nach Abzug der Fixkosten lebt sie heute von 70 Euro im Monat. Sie erzählt von den Querelen mit Ämtern, vom demütigenden Gang zur Tafel – und zeigt, dass es für Hartz-IV-Empfänger oft nur noch ein kleiner Schritt in die Obdachlosigkeit ist.

Befragt werden die drei Laien von den Schauspielern Bettina Hoppe und Nico Holonics. Holonics lässt sich etwa von René zeigen, wie er seine Matten abends so ausrollt, dass er warm, aber auch sprungbereit liegt, falls ihn jemand angreift: "Die Angst schläft immer mit."

Karen Breece hat im Vorfeld jedoch mit sehr viel mehr Menschen gesprochen, mit Hartz-IV-Empfängern, Alleinerziehenden und Sozialarbeitern. Diese Figuren und ihre Geschichten werden von Hoppe und Holonics in kleinen Szenen angespielt. Etwas befremdlich, wie die Schauspieler daraus eine große Show machen – und dadurch den Kontakt zu den Laien verlieren, die in ruhigem Ton auf ihr Leben blicken.

Haarsträubende Geschichten

Inhaltlich weitet dieses dokumentarische Material aber den Blick: Ein Pärchen, das im Hygiene-Center am Bahnhof Zoo arbeitet, erzählt (in Gestalt von Hoppe und Holonics) haarsträubende Geschichten von Menschen, denen Maden unter den Zehennägeln hervorkrabbeln, die bis zum Hals in Kot stecken und derart stinken, dass sie an jedem Ort der Welt unerwünscht sind – und nur hier wie Menschen behandelt werden. Sich bewusst zu machen, dass solche Begegnungen für diese Mitarbeiter Alltag sind, bewegt und schockiert.

Auch der desaströse Wohnungsbau wird thematisiert, Politiker persifliert – nicht wenige Menschen leben in Berlin auch trotz Job und Gehalt auf der Straße, schlicht, weil sie (etwa Ausländer mit geringem Einkommen) im überlasteten Wohnungsmarkt keine Chance haben.

Es ist heute längst State of the Art, mit Laien auf der Bühne zu arbeiten. Gruppen wie Rimini Protokoll erproben das mit ihren "Experten des Alltags" schon mehr als 15 Jahre lang. Das Problem, wie Menschen anderer sozialer Schichten auf der Bühne dargestellt werden können, ist jedoch viel älter. Schon bei der Uraufführung von Maxim Gorkis Milieustück "Nachtasyl" hat der Regisseur Konstantin Stanislawski 1902 mit seinen Spielern in den Proben "echte" Obdachlose besucht, denn: Wohlgenährte Bildungsbürger, die Verelendung spielen – das war schon immer problematisch.

In "Auf der Straße" beglaubigen die Obdachlosen ihre Geschichten durch ihren Körper, ihr Gesicht, ihre Stimme. Wobei Breece mit dieser scheinbaren Authentizität spielt und sie klug ins Gegenteil verkehrt. Die Laien sind hier perfekt herausgeputzt, René könnte mit Hornbrille, Bärtchen und Hipster-Klamotten gut als Galerist durchgehen – die Schauspieler dagegen wirken in Jeans und Overall wie schäbige Kellerkinder.

Karen Breece hat formal durchaus etwas zu bieten. Der Abend spielt auf einer erhöhten metallenen Drehbühne von Eva Veronica Born – hier sind Parkbänke aufgestellt, Bierbänke, Hartschalensitze, angeordnet wie bei einem Fahrgeschäft auf der Kirmes. Die Laien sitzen meist auf den Bänken, während die Schauspieler die Mühle anschieben und mit verzerrten Stimmen die Jahrmarktfritzen geben. Das Karussell dreht sich, es kann jeder herausfliegen, es kann jeden treffen, wie beim Roulette oder Glücksrad. Eine einfache Metapher, die die Moral der Regisseurin bekräftigt.

Ein berührender Abend

Das Format eines solchen Doku-Theaters hat allerdings Grenzen. Selbstverständlich verfolgt Breece eine klare Botschaft: mehr Respekt und Mitgefühl für die Schwachen der Gesellschaft. Im Kern sehen wir einen sozialpolitischen Aufklärungsabend, der immer wieder ins allzu Pädagogische abgleitet – vor allem dann, wenn sich ein integrativer Chor im Publikum erhebt und, herzensgut gemeint, vom "Nicht wegschauen" singt.

Die Laien auf der Bühne bleiben dagegen auf ihre Rolle festgelegt – die des Opfers der Gesellschaft. Da hätte es sicher noch mehr menschliche Facetten auszuloten gegeben, doch Breece wählt den thematischen Zugang, möchte das Thema weit aufgefächert diskutieren, keine Einzelschicksale zu sehr ins Zentrum rücken. Ein berührender, faktenreicher Abend ist ihr dabei durchaus gelungen. Unheimlich, so deutlich vor Augen geführt zu bekommen, wie schmal der Grat zwischen den sogenannten Gewinnern und Verlierern im reichen Deutschland ist. Und nicht nur dort.

Barbara Behrendt, kulturradio

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